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Blutsklavin






 

Lykandras Krieger 02

Kerstin Dirks



ISBN: 978-3-940235-84-8

Erschienen: Okt. 09

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 232 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Die Blutsklavin Theresa Straub ist der Vampirgesellschaft bedingungslos ausgeliefert. Als sie jedoch von den Plänen der Vampire erfährt, die Welt zu unterwerfen, weiß sie, dass sie das verhindern muss. Der charismatische Privatdetektiv und Werwolf Correy Blackdoom spürt in ihr seine Wolfsängerin und kommt ihr zur Hilfe. Correy muss erkennen, dass durch Theresas Verbindung zu den Vampiren weder eine Chance auf eine Verschmelzung mit dem Wolfsauge besteht, noch der Vampirbann gebrochen werden kann. Werden die beiden die Bedrohung abwenden können und wird Correys Liebe stark genug sein, seine Wolfsängerin zu erlösen?

 

Leseprobe

 

Prolog


Frankreich 1377


Die Leute in den kleinen Dörfern nahe der Küste zahlten gut, um einige zirkusreife Kunststücke zu sehen. Keith konnte auf den Händen gehen und sich überschlagen, während Killian auf der Flöte spielte. Er kannte nur wenige Stücke. Doch die, welche er beherrschte, spielte er ohne jeden Fehler. Correy ging unterdessen mit einem Hut durch die Zuschauer und sammelte die Münzen, die man ihm zuwarf. Manchmal hatten sie Glück und durften auf einem Jahrmarkt auftreten, der viele Besucher mit gefüllten Geldbeuteln anlockte. Sie zogen von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf. Immer dort, wo es etwas zu feiern gab, ließen sie sich nieder, in der Hoffnung, sich etwas dazuverdienen zu können. Seit dem Tod ihrer Eltern waren die drei Brüder auf sich allein gestellt. Keith übernahm als Ältester die Führung und sorgte dafür, dass zumindest Killian und Correy etwas in den Magen bekamen. Wenn das Geld knapp wurde, nahm er kleinere Dienste an und verrichtete Botengänge. Selten kam es vor, dass er auch mal etwas stahl. Ein Brot oder eine Forelle vom Markt. Die Brüder schliefen unter Brücken oder heimlich in den Kuhställen der Bauern, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Es waren schwere Zeiten. Doch sie gewöhnten sich an die Umstände und daran, immer auf Wanderschaft zu sein. Keith ließ nicht zu, dass jemand ihnen etwas antat. Er beschützte sie. Doch mit der Zeit veränderte er sich.

Die Brüder beobachteten sein Verhalten mit Argwohn. So kannten sie ihn nicht. So kannte er sich selbst nicht. Er wurde strenger, kälter, doch es war mehr als das. Weder er, noch seine Brüder konnten es in Worte fassen. Es war mehr ein Gefühl oder Gespür, als sei da etwas Dunkles in seinem Inneren. Etwas, das ausbrechen wollte. Immer leichter wurde er aggressiv. Zuvor hatte er seine jüngeren Brüder nie geschlagen. Sagte Killian ein falsches Wort, rutschte ihm die Hand aus. Später tat es Keith leid. Doch selbst vor dem kleinen Correy machten seine Wutausbrüche nicht Halt. Sie verunsicherten ihn und es kam der Punkt, an dem er sich schlichtweg vor Keith fürchtete. Wenn dieser seine finsteren Phasen hatte, sprach man ihn besser nicht an. Keith starrte dann nur mit heruntergezogenen Brauen vor sich hin, die Arme um seine angewinkelten Beine gelegt und den Kopf im Nacken, so dass seine Haare nach hinten glitten und die spitzen Ohren frei ließen. In Vollmondnächten war es am schlimmsten. Dann war Keith kaum zu beruhigen. Schlaf fand er keinen. Er musste sich immerzu bewegen, war übel gelaunt und klagte über Kopfschmerzen. Correy traute sich nicht, mit Killian darüber zu sprechen, denn auch dieser wurde zusehends ärgerlicher und ließ alles, was Keith ihm antat, an Correy aus.

Die Veränderungen verunsicherten die Brüder, doch wie sollten sie ahnen, dass ein Fluch auf ihrer Familie lag.

Weder Vater noch Mutter hatten je ein Wort darüber verloren. Die Menschen in ihrer Heimatstadt Westminster hatten es wohl geahnt und ihre Familie immer gemieden, solange sie denken konnten. Ihr Vater Ronald Blacksmith war ein guter Schmied, der hart für sein Geld gearbeitet hatte. Dennoch waren die Geschäfte schlecht gelaufen und lediglich Durchreisende hatten seine Hilfe in Anspruch genommen. Der junge Correy hatte zu diesem Zeitpunkt nicht verstanden, warum die Leute ihnen gegenüber so feindselig waren. Die Stadtbewohner wechselten die Straße, wenn sie einen von ihnen sahen, und keines der anderen Kinder durfte mit ihnen spielen. Die Nachbarn verrammelten ihre Türen und auch an den Gottesdiensten durften sie nicht teilnehmen. Eine Antwort darauf hatte er nie bekommen.

Eines Tages stand die Schmiede in Flammen. Ronald und Mary Blacksmith waren darin umgekommen. Niemand wusste, ob es ein Unglück gewesen war oder ein Attentat. Eines war jedoch sicher. Die Brüder wurden nicht länger in Westminster geduldet. Also zogen sie nach Süden und schmuggelten sich als blinde Passagiere im Frachtraum eines Handelsschiffes nach Frankreich, dem Land, von dem ihre Großmutter Francoise bis zu ihrem Tode geschwärmt hatte. Sie hofften, dort Familie zu finden, aber Francoises Spuren waren unwiederbringlich verwischt.

Ein Jahr später schlossen sie sich einer Gruppe von Schaustellern und Artisten an, die mit ihnen den Lohn gerecht teilten. Der Anführer der Gruppe, er nannte sich Ornello, hatte eine Tochter namens Isida, die in Keiths Alter war und die dunkelsten Augen hatte, die Correy jemals gesehen hatte. Wann immer sie Keith ansah, und niemand sonst außer Correy es bemerkte, klimperte sie verführerisch mit den Wimpern und spitzte die Lippen. Correy wusste, dass auch Keith eine Schwäche für das Mädchen hatte. Man sah es in seinen Augen. Sie leuchteten förmlich, wenn er die üppigen Brüste des Mädchens betrachtete, die an zwei reife Äpfel erinnerten. Wenn sie das Publikum mit ihrem Tanz erheiterte, stellte sich Keith in die erste Reihe, um sie aus der Nähe betrachten zu können. Er applaudierte am lautesten und bekam zum Dank die meisten Handküsse von ihr zugeworfen.

Eines Abends saßen die Schausteller am Lagerfeuer vor den Toren der Stadt. Es wurde gelacht, musiziert und Wein getrunken, weil man am Nachmittag viele Einnahmen erzielt hatte, die in Alkohol umgesetzt worden waren. Auch Isida trank viel und lachte unentwegt. Es war ein heiseres Lachen, mit dem sie Keith becircte. Außer Correy schien niemand zu bemerken, dass sie einander zugetan waren. Correy hatte trotz seines jungen Alters andere Männer schon oft um die Gunst von Frauen werben sehen. Er sorgte sich um Isida. Dem früheren Keith hätte er keine Gewalttätigkeiten zugetraut. Doch bei diesem neuen, dunklen und unberechenbaren Keith war er nicht mehr so sicher. Etwas Wildes schlummerte tief in seinen Augen, das nur manchmal aufleuchtete. Doch wenn Correy es aufflackern sah, stellten sich ihm alle Haare auf. Panik ergriff ihn, ohne dass er benennen konnte, was diese konkret auslöste. Keith sagte dann nichts. Aber die Unruhe merkte man ihm an. Es war etwas Finsteres, das ihn umgab wie eine zweite Haut. Das Besitz von ihm ergriff. Doch niemand außer ihm und Killian konnte es sehen. Correy behielt die junge Frau im Blick, die am Feuer näher an Keith heranrückte. Die anderen Männer und Frauen waren mit sich selbst beschäftigt. Sie schienen blind. Killian schlief längst im Zelt, so dass Correy der Einzige war, der etwas bemerkte. Keith hatte wieder diesen merkwürdigen Gesichtsausdruck, der Correy Angst einjagte. So sah er immer dann aus, wenn er Killian oder ihm Prügel androhte. Und nun, da er Isida mit demselben leeren und dennoch wilden Blick musterte, wurde Correy plötzlich klar, was es war, dass ihn ängstigte.

Keith sah aus wie ein Raubtier, das eine lohnende Beute gewittert hatte. Als Isida aufstand und mit Keith zwischen den Büschen verschwand, versuchte Correy einen der Männer zu animieren, ihnen zu folgen. Aber der war längst mit einem anderen Mädchen beschäftigt und niemand sonst wollte ihn beachten.

Etwas Schreckliches würde heute Nacht passieren. Er wusste es, er musste es verhindern. Er durfte nicht zulassen, dass Keith dem Mädchen etwas antat.

Rasch folgte er ihren Spuren, doch hielt sich hinter Büschen und Bäumen verborgen. Isida rannte tiefer in den Wald hinein. Es war leicht, ihr zu folgen. Die Brüder waren von Natur aus gute Fährtenleser.

Der Vollmond schien sanft durch das Blätterdach. Im Schutz eines Strauches beobachtete Correy, wie sich Isida auf einem umgekippten Baumstamm niederließ. Sie hatte ein Bein über das andere geschwungen und streckte die Brüste vor, die fast aus den schillernden Körbchen, die zu ihrem Tanzkleid gehörten, zu springen drohten. Keith blieb nur wenige Schritte von ihr entfernt stehen und beobachtete sie. Alles an ihm erinnerte an ein lauerndes Raubtier. Seine Muskeln waren angespannt, die Körperhaltung in Lauerstellung und seine Bewegungen merkwürdig geschmeidig und gefährlich zugleich.

„Komm doch zu mir“, lockte Isida leise.

Keith schlich um den umgekippten Baumstamm und löste das Oberteil, das ihre Brüste zusammengehalten hatte. Achtlos ließ er es neben ihr fallen. Ihr Busen kam zum Vorschein, wippte leicht im Abendwind. Correy war noch zu jung, um die Vorzüge eines Weibes zu sehen. Doch er ahnte, dass der Anblick etwas in seinem Bruder auslöste.

„Keine Scheu, ich tue dir nichts“, sagte Isida und lächelte ihn an.

Keith schien ihren Reizen nicht länger widerstehen zu können. Er machte einen Schritt auf sie zu und senkte seine Lippen an ihren Hals. Sie stöhnte auf und erschrocken fuhr Correy zusammen. Der Laut war schmerzerfüllt und es dauerte einen Moment, ehe ihm gewahr wurde, dass es gar nicht Isida war, die aufschrie.

Sein Bruder krümmte sich und stieß Schreie aus wie ein Wahnsinniger, der den letzten Funken Verstand verloren hat. Isida wurde blass und wich zurück. Das Dunkle schien nun mit aller Gewalt aus ihm herauszubrechen.

Correy hatte den Schutz des Gebüschs verlassen und wollte seinem Bruder helfen. Doch Isida packte ihn am Arm und hielt ihn davon ab, während Keith erst auf die Knie und dann der Länge nach auf den Boden sank und sich wie ein Irrer im Sand wälzte. Auf Zurufe reagierte er nicht. Das Zerbersten von Knochen hallte durch den Wald. Correy und Isida beobachteten entsetzt, wie sich Keiths Arme und Beine in unnatürliche Winkel verbogen, sich neu formierten und sein Körper sich gewaltig aufblähte. Er rief um Hilfe und krallte seine Finger in den weichen Waldboden, als wolle er sich festhalten. Aber wo eben noch seine Finger waren, ragten nun Klauen hervor. Gewaltige Klauen. Haare schossen aus allen Poren und seine Kleidung zerriss. Muskelberge türmten sich auf seinen Armen, weiteten seine Brust und seine Stimme klang wie das Grollen des Donners.

Isida hielt es nicht länger aus. Sie zog an Correys Arm und floh. Doch Correy riss sich von ihr los und blieb stehen. Ungläubig beobachtete er seinen Bruder, aus dessen riesigem Maul nur ein Grunzen und Knurren, aber kein verständliches Wort mehr drang. Mit einem Satz stand er vor ihm. Correy war wie gelähmt, unfähig sich zu rühren oder etwas zu sagen. Erst als Keith sein riesiges Maul aufriss und eine Reihe gewaltiger Reißzähne entblößte, ergriff Correy ebenfalls die Flucht.

War dieses Monster wirklich sein Bruder? Oder ein Hirngespinst? Er wollte es nicht darauf ankommen lassen, das herauszufinden. Zu groß war seine Angst es würde ihn verschlingen. So schnell er konnte rannte er durch den Wald, duckte sich unter niedrigen Zweigen hindurch und sprang über knöcherne Wurzeln hinweg. Hinter ihm vibrierte der Boden unter schweren Schritten.

Er hörte die aufgebrachten Stimmen der Männer, die ihm bereits entgegen eilten. Hinter einer Weggabelung konnte er sie sehen. Sie hatten ihre Dolche gezückt und griffen nach dicken Ästen, die sie als Schlagstöcke verwenden konnten.

„Schnell Correy, hier her!“, rief ihm Isidas Bruder zu.

Die anderen stellten sich dem Untier mutig in den Weg, das mit nur wenigen Sätzen durch das Dickicht preschte. Der Anblick ließ die Männer verstummen.

„Ein Monster!“, rief jemand von weiter hinten, der als erstes die Sprache wiedergefunden hatte.

„Holt die Stadtwache!“

„Mein Gott, was ist das nur?“

„Ein Werwolf! Rasch, wir brauchen etwas aus Silber!“

Correy schluchzte und folgte den anderen zu den Zelten. Sie würden Keith töten. Ganz bestimmt würden sie ihn umbringen.

Er wandte den Kopf, während er in Richtung Lager stolperte und sah, wie jemand mit einem silbernen Armreif an ihnen vorbei zu der Kreatur rannte. Als das Monster den Armreif sah, wich es grollend zurück und wandte sich um. Die Männer folgten ihm in den Wald. Immer mehr schlossen sich der Jagd an. Er hörte in der Ferne, wie sich die Stadttore öffneten, wie Männer miteinander sprachen und Pferde bestiegen wurden. Die ganze Stadt war aufgewacht. Alle jagten das Monster. Correy wurde in das Zelt gebracht und sank neben Killian, der durch den Lärm geweckt wurde, auf die Knie, und betete für seinen Bruder.