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Das dunkle Fenster






 

Andrea Gunschera



ISBN: 978-3-940235-20-6

Erschienen: Mai. 08

Preis: 16,50 Euro

Broschiert, 236 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Nikolaj Fedorow, Ex-PLO-Kämpfer und Auftragsmörder, hat sein Geschäft aufgegeben und sich in eine Existenz als Maler zurückgezogen. Doch seine Vergangenheit holt ihn ein, als der Mossad ihn aufspürt und sich für seinen letzten Auftrag interessiert – einen spektakulär inszenierten Mord an einem jüdischen Politiker.

Die Ermittlungen der israelischen Agenten bringen eine weitere Partei auf den Plan, die um jeden Preis zu verhindern sucht, dass Nikolaj dem Mossad lebend in die Hände fällt und Informationen über das Attentat und seine Hintergründe preisgibt.

Die Ereignisse eskalieren, als Carmen Arndt auf der Bildfläche erscheint. Eine Frau, die Nikolaj vor vielen Jahren liebte, die er verraten hat und die nun für seine Jäger arbeitet.

 

 

Leseprobe

 

Schiefergrau senkte sich der Himmel über gedrängte Mauern. Ein Sturm trieb Schnee vor sich her und beugte die alten Zedern, die auf den Felsen über dem Kloster Fuß gefasst hatten.


Die Pigmente, mit groben Pinselstrichen aufgetragen, bildeten ein zerklüftetes Relief. Feine Graustufen dominierten das Bild, die Schatten schwarz, das Schneegestöber schmutzig weiß, der einzige Tupfer Farbe das Grün der Zedernkronen. Die Leinwand war auf einen Holzrahmen genagelt, mannshoch und einen Meter breit. Sonnenlicht fiel durch das gegenüberliegende Fenster und spaltete das Bild in zwei Hälften.


Einer der Besucher sagte etwas, das Bruder Gratien nicht verstand. Sie kamen aus Italien, hatte der Abt gesagt, Besucher von der Kunstakademie in Mailand. Gratien beherrschte ein paar Brocken Italienisch, deshalb hatte der Abt ihn auch als Führer bestimmt, aber er konnte den schnell gesprochenen Sätzen nicht folgen.


Unter den Besuchern war eine junge Frau, die sich als Azizah Abourjeili vorgestellt hatte und fließend Arabisch sprach. Sie hatte vorgeschlagen, ihm als Übersetzerin behilflich zu sein. Der alte Mönch war froh darüber, auch wenn ihre Art, ihn direkt anzusehen, ihm Unbehagen bereitete.


Azizah drehte sich zu ihm um. „Diese Bilder zeigen alle das Kloster, nicht wahr?“ Gratien nickte höflich. „Meine Freunde bewundern sie“, fuhr sie fort. „Wer ist der Maler?“


„Sein Name ist Nicolá Martin“, sagte Gratien, „ein sehr großzügiger Mann. Er hat die Bilder unserem Orden geschenkt.“


„Nicolá Martin“, wiederholte Azizah. Sie legte den Kopf ein wenig schräg. „Ich habe den Namen noch nie gehört. Erzählen Sie mir etwas über ihn.“


Gratien lächelte verlegen. „Da gibt es nicht viel, was ich Ihnen sagen könnte.“ Er wischte mit den Händen über seine Kutte. „Er verbringt viel Zeit bei uns, um zu malen. Hier, sehen Sie –“, er deutete auf ein kleines Gemälde, das ein paar Schritte den Korridor hinunter hing, „das ist neu. Er ist ein stiller Mann. Will keinen Ruhm für seine Arbeit, wissen Sie? Vater Georg wollte Schilder mit seinem Namen anbringen, aber er war dagegen.“


„Stammt er hier aus der Gegend?“


„Er hat ein Haus außerhalb von Hawqa. Er lebt sehr zurückgezogen.“


Sie lächelte. „Ich wurde in Hawqa geboren.“ Nachlässig strich sie eine Haarsträhne aus der Stirn. „Meine Eltern leben noch dort. Ich bin nach Italien gegangen, um Kunstgeschichte zu studieren.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich frage mich nur, wieso ich nie von diesem Künstler gehört habe. Ist er schon länger hier ansässig?“


„Fragen Sie am besten Vater Georg“, schlug Gratien vor. „Er kann Ihnen sicher besser helfen als ich.“


Sie wandte sich dem kleinen Bild zu, einer Holzplatte, vielleicht dreißig Zentimeter im Quadrat. Ein Fensterausschnitt war darauf gemalt, verzierte Gitter vor schwarzem Grund. Bei genauerem Betrachten offenbarte sich ein Gesicht in den Schatten. Den einzigen Kontrast bildete ein Lichtreflex auf dem Fensterrahmen, der aussah wie ein blutiger Handabdruck.

 


„Ich besuche ihn“, sagte Azizah.


„Hör mal, du kannst nicht einfach bei ihm zur Tür reinplatzen“, erwiderte Chiara, ihre italienische Freundin.


Sie saßen im Innenhof von Azizahs Elternhaus, gemeinsam mit ein paar Freunden. Azizahs Mutter hatte Kaffee gekocht und sich dann zurückgezogen. Azizah wusste, dass sie zu einer Nachbarin gegangen war und erst in ein paar Stunden zurückkommen würde.


Sie lächelte Chiara über den Rand ihrer Tasse an. „Hier ist das anders als in Europa. Die Mentalität der Leute ist geselliger. Es ist nichts dabei, seine Nachbarn zu besuchen.“


„Aber er ist nicht dein Nachbar“, wandte Chiara ein, „er wohnt außerhalb des Dorfes.“


„Hier ist jeder der Nachbar eines anderen“, sagte Azizah gleichmütig. „Es ist ein Akt der Höflichkeit, sich den Nachbarn vorzustellen.“


Das beiläufige Gelächter ihrer Freunde quittierte die Bemerkung.


„Na, ich weiß nicht“, mischte sich Carla ein. Azizah teilte sich in Mailand die Wohnung mit ihr. „Die Mönche sagen, er will seine Ruhe haben. Und du weißt ja, wie Künstler sein können.“ Sie kicherte.


Azizah stand auf. „Ich hole noch Kaffee.“


Chiara schob ihren Stuhl zurück. „Ich helfe dir“, sagte sie und griff nach der Kanne. Zusammen gingen sie ins Innere des Hauses, in die geräumige Küche. „Deine Eltern haben ein tolles Haus.“


„Sie sind auch sehr stolz darauf“, erwiderte Azizah. Sie setzte Wasser auf. „Mein Groß-vater hat es gebaut. Sie haben es vor ein paar Jahren komplett renovieren lassen.“


Chiara nahm eine Handvoll Äpfel aus einem großen Korb auf der Anrichte. Das Wasser begann zu kochen; Azizah hob den Kessel vom Gas und brühte Kaffee auf.


„Willst du da wirklich allein hingehen?“, fragte Chiara.


„Warum nicht?“ Azizah legte den Deckel auf die Kaffeekanne.


„Ich meine, ich könnte mitkommen.“


„Du bist nur neugierig.“ Azizah musste lächeln. „Weil du glaubst, dass er groß und gut aussehend ist.“


Chiara wurde rot. „Du bist unmöglich“, murmelte sie, „das ist nicht wahr!“


Vom angrenzenden Esszimmer führten offene Flügeltüren in den Innenhof. Alexandro hatte die Unterhaltung übernommen, erzählte eine von seinen Geschichten. Gelächter füllte den Hof. Es roch nach Blumen und Kardamom. Ein seltener Moment, dachte Azizah. Einer, an den sie sich später erinnern würde, wenn sie zurück in Mailand war.


Mit einem Ruck hob sie die Kanne hoch und trug sie hinaus zu ihren Freunden.

 

Die Zufahrt zum Haus des Künstlers war ein schmaler Feldweg, der kurz hinter Hawqa von der Straße abzweigte. Akazien und Ginsterbüsche säumten den Straßenrand. Ein Fremder konnte die Stelle leicht übersehen; überhängende Äste verdeckten den Weg, der offenbar nur selten benutzt wurde.


Azizah stieg vom Fahrrad und schob es durchs Gebüsch. Im Korb hinter dem Sattel lehnte ihr Gastgeschenk. Eine Tasche mit Obst aus dem Garten ihrer Eltern.


Der Weg war steinig und wand sich steil bergauf. Schon nach ein paar Minuten geriet sie außer Atem. Mit einem Fuß blieb sie im Brombeergestrüpp hängen. Fluchend ließ sie das Fahrrad fallen und befreite sich aus den stachligen Ranken. Sie bückte sich und rieb über die Kratzer auf ihrem Fußgelenk. Der Sand zwischen den Büschen fühlte sich warm an.


Azizah war schon einmal hier gewesen, aber das lag fünfzehn Jahre zurück. Als Kinder hatten sie die Kalksteinhöhlen erkundet, die in den Berg geschlagen waren. Sie erinnerte sich auch an das Haus auf dem Plateau, ein großes, ziemlich heruntergekommenes Gebäude, das damals niemand hatte kaufen wollen.


Aber das hatte sich ja wohl geändert. Erstaunlich war nur, dass der neue Besitzer die Zufahrt nicht besser instand hielt. Sie richtete sich auf und zog das Fahrrad hoch. Keuchend setzte sie ihren Weg fort. Nach einer letzten Steigung verlor sich der Pfad zwischen hohem Gras und verwilderten Obstbäumen. Irgendwo blökten Schafe. Azizah lehnte das Fahrrad gegen einen Baumstamm und sah sich um.


Es war angenehm schattig hier oben. Der Duft von Heu und Schafgarbe hing in der Luft. Azizah nahm den Obstkorb vom Gepäckträger und folgte einer breiten Schneise zwischen den Bäumen. Nach etwa hundert Metern stieß sie auf einen Drahtzaun, der ziemlich neu aussah und einen verwilderten Garten umfriedete. Hohe Sträucher versperrten den Blick auf das Haus. Azizah lief ein Stück am Zaun entlang, bis zu einem Tor. Es gab kein Namensschild und keine Klingel.


„Hallo?“, rief sie halblaut in Richtung des Gartens. „Hallo, ist jemand da?“


Niemand antwortete. Die Schafe blökten noch immer, aber es klang jetzt leiser, weiter entfernt.


Zaghaft drückte sie gegen einen der Torflügel. Sie war überrascht, als er ohne Widerstand nach innen schwang. Ein ausgetretener Grasweg führte zwischen den Bäumen hindurch auf die andere Seite des Hauses. Rechts zwischen den Sträuchern stand ein alter Pickup.


Offenbar war doch jemand zu Hause. Das Tor stand offen, der Wagen war da. Sie bog um die Ecke und blieb überrascht stehen. Der Bereich vor dem Haus war gepflastert und an den Seiten von Oleanderbüschen gesäumt. Das Gebäude selbst war neu verputzt worden. Jemand hatte das Dach repariert und die Fensterläden blau gestrichen.


Azizah stellte ihren Korb auf dem Boden ab und ging zur Tür. Kräftig klopfte sie gegen das geschnitzte Holzgitter. Gleichzeitig fasste sie nach der Klinke und drückte sie herunter. Die Tür schwang in eine schattige Diele.


„Was tun Sie hier?“, fragte jemand in ihrem Rücken.


Azizah fuhr herum. Ein Mann war zwischen den Büschen aufgetaucht. Er war nicht sehr alt, und er sah auch nicht aus wie ein Einheimischer. Sie schluckte ihre Überraschung hinunter und riss sich zusammen.


„Guten Tag“, sagte sie höflich. „Ich wohne unten im Dorf. Sind Sie Nicolá Martin?“

 

Nikolaj musterte die junge Frau, die in seiner Haustür stand. Bemerkt hatte er sie bereits vor zehn Minuten, als sie das letzte Stück des Aufstiegs in Angriff genommen hatte. Das war der Vorteil dieses Anwesens – einer der Vorteile. Es gab nur einen Zugang und der war von oben gut einsehbar, während man von unten kommend das Haus erst sehen konnte, wenn man praktisch davor stand. Sie war attraktiv, hatte aber keine Ähnlichkeit mit den Frauen aus der hiesigen Gegend.


„Ich habe Sie noch nie im Dorf gesehen“, sagte er statt einer Begrüßung.


„Das liegt daran, dass ich seit vier Jahren nicht mehr zu Hause lebe“, gab sie zurück. Ihr Lächeln wirkte einigermaßen echt, aber vielleicht war sie einfach eine gute Schauspielerin. „Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern.“ Sie sah ihm gerade ins Gesicht, das war ungewöhnlich und steigerte sein Misstrauen. „Mein Name ist Azizah Abourjeili.“


Nikolaj antwortete nicht. Unschlüssig betrachtete er ihre Kleidung, Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Sie sah wie eine Studentin aus.


„Ich wollte mich nur vorstellen, schließlich sind wir so etwas wie Nachbarn. Ich habe ein Gastgeschenk mitgebracht. Obst aus unserem Garten.“ Sie lachte verlegen und machte eine Geste zu den Apfelbäumen. „Aber Sie haben ja selbst eine Menge davon.“


Nikolaj zögerte noch immer. Er war nicht sicher, wie er reagieren sollte. Falls sie wirklich die war, für die sie sich ausgab, würde es Verwunderung erregen, wenn er sie wieder fortschickte, ohne sich wenigstens zu bedanken und sie zu einem Tee einzuladen. Die Leute hier nahmen das Gebot der Gastfreundschaft ernst. Sie respektierten es, dass er ein zurückgezogenes Leben führte. Dennoch würden sie sich fragen, warum er das Gastrecht so grob verletzte.


„Nicolá Martin“, sagte er endlich und streckte die Hand aus. „Freut mich, Sie kennen zu lernen.“