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Das Gitter der Macht






 

Peer Onneken



ISBN: 978-3-940235-09-1

Erschienen: Jul. 07

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 180 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

In einem indischen Palmblattarchiv, das fünftausend Jahre alte Schriften verwahrt, erfährt Jonathan Hain sein Todesdatum und wird ausgeschickt, eine sagenhafte Konstruktion zu suchen, die Einblick in frühere Leben ermöglichen soll. Dieses 'Gitter der Macht' steht, gut versteckt, irgendwo auf unserem Planeten. Mit spärlichen Hinweisen ausgestattet macht Jonathan sich auf die Suche und gerät in einen Strudel der Ereignisse, der ihn an exotische Schauplätze führt und mit höchst außergewöhnlichen Menschen zusammenbringt, die ihm bei seiner Suche helfen. Schon bald stellt sich heraus, dass die Suchenden einen mächtigen Gegenspieler haben. Einen New Yorker Schwarzmagier, der das Gitter für seine eigenen, dunklen Zwecke nutzen möchte und der sowohl sein Milliardenvermögen, als auch seine skrupellosen Helfershelfer in die Waagschale wirft, um das Gitter als Erster zu finden. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Hindernisse stellen sich in den Weg – und für jeden Beteiligten ergibt sich irgendwann, dass die Suche nach dem Gitter auch die Suche nach sich selbst sein wird. Ein heiterer Abenteuerroman über den Sinn des Lebens und die Möglichkeit, schon einmal gelebt zu haben.

 

Leseprobe

 

Der Lieblingsplatz von Einfried lag direkt am Serpentinenweg, etwa auf halber Höhe zum Gipfel. Der Fels bildet an dieser Stelle einen Überhang und schützt den Rastenden vor der sengenden Sonne und dem Wind der Levante. Ein weiterer Vorteil für Einfried war, dass er jeden Wanderer rechtzeitig kommen sah und sich, bevor er seinerseits erblickt wurde, in einen Stein verwandeln konnte. Er hatte die Technik von seinem Onkel gelernt und beherrschte sie mittlerweile im Schlaf. Ein paar Atemzüge, verbunden mit drei magischen Worten und schon konnte ein Wanderer mit der Nasenspitze auf ihn stoßen und würde einzig einen scharfkantigen Felsbrocken vor sich sehen. Scharfkantig deshalb, da Einfried nicht das Risiko eingehen wollte, als Sitzgelegenheit gewählt zu werden. Zwar trug er bei seiner Verwandlung das Aussehen eines Felsens, in Wahrheit bestand er aber weiterhin aus Fleisch und Blut und hatte daher keinerlei Lust, von einem riesigen Zwerg mit einem Stuhl verwechselt zu werden.

Überhaupt war Einfried jeden Morgen wenn er die aufgehende Sonne begrüßte und den Anblick des funkelnden Mittelmeeres genoss, äußerst vorsichtig. Sein Volk hatte viel zu verlieren. Die Zwerge waren überaus gierig und die Tatsache, dass Einfrieds Volk bisher noch nicht entdeckt worden war, hatte einzig und allein mit der grenzenlosen Dummheit und mit dem ausgeprägten Unglauben der Zwerge zu tun. »Die Zwerge glauben nur was sie sehen«, erkannte schon der große Philosoph Muttersohn Schneidersohn. »Das Problem bei ihnen aber ist, dass sie gar nichts sehen und deshalb auch an gar nichts glauben. Würden wir einen Zwerg fragen, ob er glaubt, so würde dieser entrüstet mit ,natürlich‘ antworten, eine Fangfrage in unserer Unschuld vermuten, auf Abwehr schalten, seinen eigenen Glauben dadurch leugnen und sich als realistischer Vollidiot entlarven. Denn eins ist klar und wir Menschen wissen das: die Wahrheit liegt hinter den Augen, dort wo das Licht ist.«

Einfried teilte die Ansicht des Philosophen, ihm war an diesem Morgen aber nicht nach tief greifenden Betrachtungen anderer Spezies. Er fühlte sich in der Stimmung einer Beschäftigung nachzugehen, die jedes Menschenkind aufs Höchste erfreut: die Einstellung der Gedanken. Gemütlich in einer Mulde sitzend, im sicheren Gefühl, dass es zu früh am Tage für wandernde Zwerge war, fasste Einfried die ersten Sonnenstrahlen ins Auge, machte seinen Blick weit und schließlich leer, tauchte ein in das Meer und wurde in seinem Bewusstsein zu salzigen Wassern. Kein einziger Gedanke durchzuckte sein Gehirn und sein Herz brannte vor Freude.


Jonathan war weit vor dem Morgengrauen aufgebrochen, um diesen faszinierenden Berg zu besteigen. Abscheuliche Schlafprobleme! Er parkte seinen Leihwagen an den Ausläufern des Berges, als es noch völlig dunkel war, durchwanderte das Gebiet zu seinem Fuße und machte sich, immer noch im Dunkeln, an den Aufstieg. Welche Pferde ihn ritten, ausgerechnet auf einer Bergwanderung auf das Tageslicht zu verzichten, fragte er sich nach den ersten Metern auf dem steilen Geröllpfad lieber nicht. Jonathan hatte sich mittlerweile damit abgefunden, dass er langsam verrückt wurde und außerdem verlangten seine tastenden Füße geradezu übermenschliche Konzentration. So schlich er im Schneckentempo den Berg hinauf und wurde nach einer guten Stunde mit einer zarten Morgendämmerung belohnt. Als schließlich die ersten Sonnenstrahlen auf der Meeresoberfläche auftauchten und Jonathan sah, welche Heerscharen von Schutzengeln sich seiner angenommen haben mussten, damit er diese Höhe unbeschadet erreichen konnte, ließ er sich fallen, wo er gerade stand und ruhte sich aus.

»Welch ein Blick«, stammelte er und wischte sich den Schweiß aus den Augen. »Das gibt’s doch gar nicht. Mein Name ist von nun an nicht mehr Jonathan Hain, sondern Jonathan Messner.«

Von neuem Tatendrang erfüllt, bereit den Gipfel ohne Sauerstoff zu erstürmen, raffte er sich hoch, bog um die nächste Ecke, sah zu seinem Erstaunen einen relativ ebenen Weg vor sich, der auch noch ein natürliches Dach besaß und erschrak zu Tode. Wenige Meter vor ihm, direkt am Wegesrand, saß der seltsamste Mensch den er je gesehen hatte und starrte in die Ferne. Jonathan war derart überrascht, dass er sich fest halten musste, um nicht zu schwanken. Seine Hand griff nach einer Einkerbung im Fels und es brauchte eine Weile bis er sich gefasst hatte.

Der Mensch gab mit keiner Geste zu verstehen, dass er Jonathan bemerkt hatte. Die Beine angewinkelt, den Rücken an die Steilwand gelehnt, verharrte er vollkommen regungslos, mit weit aufgerissenen Augen. Dicke Tränen flossen ihm die Wange hinab und benetzten den gewaltigen Bart, der im Sonnenlicht auffällig funkelte. Auf dem Teil seines Gesichtes, der nicht vom Bart verdeckt wurde, lag ein seliger, beinahe ekstatischer Ausdruck und Jonathan musste zwei Mal hinsehen, um sich zu überzeugen, dass der Mann noch lebte. Nachdem er erleichtert festgestellt hatte, dass der Brustkorb sich regelmäßig hob und er nicht in der Nähe eines Leichenfundortes stand, versank Jonathan in einer eingehenden Betrachtung des Unikums. Er konnte nicht anders. Das Abbild des Mannes war einfach zu ungewöhnlich, um sich dezent an ihm vorbei zu schlängeln und den Gipfel in Angriff zu nehmen, als wäre nichts geschehen.

Da war zunächst einmal der Bart. Ein unglaubliches Teil. Zwar saß der Mann, es war aber offensichtlich, dass, wenn er stehen würde, dieses Monstrum auf seine Knie fallen würde. Dazu passend, bildeten die Augenbrauen einen gewaltigen, buschigen Balken, waren oberhalb der Nasenwurzel zusammengewachsen und vollzogen so eine scharfe Trennung zwischen der zerklüfteten Stirn und den aufgerissenen Augen. Das Haupthaar war kurz geschnitten, überaus dicht und schimmerte, wie Bart und

Brauen, in einem dunklen Blau.

Der Körper des Mannes strotzte vor Kraft, war Muskel bepackt, an Schulter und Brustkorb von immenser Breite und von der Größe her, der eines Kindes. Er trug einen eng anliegenden, grauen Overall aus Filz und konnte vierzig Jahre alt sein, aber auch sechzig.

Jonathan wusste sich keinen Rat. Noch immer starrte die Person in die Ferne und hatte ihn offensichtlich noch nicht bemerkt.

Sollte er einfach weitergehen? Nein! Er musste wissen, was das für eine Gestalt war, musste seiner brennenden Neugierde nachgeben und das Unikum ansprechen. Am besten mit seinen paar Brocken spanisch.

»Kann ich Ihnen vielleicht helfen?« fragte er und beugte sich so weit vor, dass er den Atem des Mannes auf seinem Gesicht spürte. »Geht es Ihnen nicht gut?«


Aus großer Ferne drangen Einfried indifferente Laute ans Ohr. Er war gerade das Mittelmeer. Ließ sich vom Wind aufwühlen und von der Sonne bescheinen. Doch da war noch etwas anderes. Irgendetwas, das nicht stimmte. Nur widerwillig ließ er sein Bewusstsein zurückkehren, zurück in seinen Körper, zurück auf den Berg. Seine körperliche Wahrnehmung begann wieder zu funktionieren, seine Ohren hörten zum zweiten Mal diese Laute, diesmal allerdings wesentlich deutlicher und als seine Augen auf scharf stellten und einen Zwerg erblickten, entfuhr seiner Kehle ein gewaltiger Schrei.


Als der Mann so unvermittelt anfing zu schreien, sprang Jonathan vor Schreck rückwärts, trat über den Wegesrand hinaus, verlor das Gleichgewicht und wäre um ein Haar abgestürzt. Reflexartig ließ er seinen Körper nach vorne schnellen, bekam einen Felsbrocken zu fassen, riss sich mit aller Kraft wieder hoch und rollte zurück auf den Weg.

Der Schock war zu viel für ihn. Schwer atmend lag er mit dem Gesicht nach unten auf dem Geröll und dankte seinem Schöpfer, dass er dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen war. Der Mann schrie immer noch wie am Spieß, doch Jonathan hatte vorerst nicht einmal die Kraft auch nur aufzublicken.


Der Schock war zu viel für Einfried. Er hatte sich von einem Zwerg erwischen lassen. Er hatte sein gesamtes Volk verraten. Er war dumm, einfältig und selbstsüchtig. So schrie er sein Leid hinaus in die Welt, wohl wissend, dass nun alles vorbei war. Einfried schrie und schrie – und bemerkte auf einmal, dass der Zwerg vor ihm lag und sich nicht mehr rührte.

Hatte sein Schreien dieses fremdartige Wesen so sehr erschreckt?

Einfried konnte nicht wissen, dass Jonathan soeben seinen zweiten Geburtstag feierte.

Die Gedanken rasten. Sollte er abhauen oder helfen?

Sein gutes Herz siegte und so stellte er eine Frage, die sein Leben für immer verändern sollte.

»Kann ich dir helfen?« Einfried flüsterte die Worte fast, so sehr erfüllte in seine Entscheidung mit Ehrfurcht. »So sag doch was!«


Sollte das etwa ein Engländer sein? Jonathan rappelte sich hoch.

Wenigstens schrie der Inselbewohner nicht mehr wie am Spieß.

Jonathan schwankte, suchte noch nach einem festen Stand. Der Schock saß tief in seinen Gliedern.

Besser er setzte sich wieder. Dürfte in dieser Situation wahrscheinlich höflicher sein.

 

Einfried war angenehm überrascht. Dieser Zwerg besaß ja richtig gehend Manieren. Begab sich auf Augenhöhe, bevor er sich vorstellte.

»Du verstehst, was ich sage?«

»Ja danke, ich spreche englisch.«

Einfried landete schon beim ersten Mal einen Treffer.. Er hatte einfach jene Zwergensprache gewählt, die er auf dem Berg Montgo am häufigsten hörte. »Geht es dir besser?«

»Es geht schon, vielen Dank. Nur noch etwas schwach. Tut gut zu sitzen.«

Da konnte Einfried ihm nur Recht geben. So musste er sich wenigstens nicht den Hals verrenken, um ihn in die Augen zu blicken. Der Zwerg war aber auch wirklich ein stattliches Exemplar. Mindestens sechs Torsen groß und sicherlich noch einige Kiesel.

»Es freut mich, dass mein Temperamentsausbruch, keine ernsteren Folgen hatte. Erlaube mir bitte, mich vorzustellen.« Einfried beugte den Kopf so weit vor, dass seine Nase den Erdboden berührte. »Mein Name ist Einfried Zumal, Sohn des Friedhard, aus dem Geschlecht der Iberer, vom Volk der wahren Menschen.«

Jonathan wähnte sich im Film. So langsam gewann er den Verdacht, dass er immer noch in seinem Hotelbett lag und träumte.

Oder schlafwandelte er? Nein, alles Quatsch. Er war verrückt. Das war es. Endgültig verrückt. Vielleicht sollte er einfach mitspielen bis die weißen Männer mit der Jacke kamen.

»Äh, sehr angenehm«, stammelte er. »Ich bin Jonathan Edgar Hain, Sohn des Balthasar, vom äh, aus Deutschland und äh, ich bin auch ein Mensch.«