![]() |
Antonia Munoz |
|
|
ISBN: 978-3-940235-23-7 Erschienen: Sep. 08 Preis: 16,50 Euro Broschiert, 210 Seiten |
||
Klappentext
Paris im Jahr 1678. Die Stadt brodelt. Wahrsager, Schwarzmagier, Scharlatane und Giftmischer geben sich in den Salons der Aristokratie die Klinke in die Hand und zelebrieren an geheimen Orten schwarze Messen. Jeanne Meunier ist ein einfaches Mädchen aus dem Loiretal als sie nach Paris kommt, um dort ein neues Leben zu beginnen und die Vergangenheit zu vergessen. Durch die Hilfe ihrer Freunde, eines vor Bedenken triefenden Apothekers, einer Putzmacherin und nicht zuletzt ihres quengelnden Schutzgeistes Gabrielle, avanciert das junge Mädchen zu einer Sensation. Jeanne wird zur Geisterbeschwörerin, zum Sprachrohr der Toten. Ihre Séancen sind in aller Munde. Jeder, der auf sich hält, muss La Dame Rouge wenigstens einmal gesehen haben. Jeanne macht Furore, gelangt zu Ruhm und Vermögen. Doch ihr Erfolg entfacht Neid und trägt ihr die Feindschaft der Giftmischerin La Voisin ein. Der Generalleutnant der Polizei sucht nach Beweisen und will Jeanne als Hexe überführen. Und ihre Vergangenheit hat sie längst eingeholt. Von La Voisin in eine Falle gelockt, muss Jeanne um ihr Leben und ihre Liebe kämpfen.
Leseprobe
Ambray, Frankreich, 1670
Ich hingegen zeigte mich widerstandsfähig gegen alle Unbilden und verkündete meine Ankunft durch lautes Gebrüll. Erst eine schleunigst herbeigeholte Amme vermochte es einzudämmen, der ich zum Dank mit gefräßiger Geschwindigkeit die Milch aus den Brüsten saugte. Man war schnell zu der Ansicht gelangt, ich sei nicht ganz richtig im Kopf. Unerklärlich war mir auch diese Ansicht, die von den dreißig Seelen in Ambray uneingeschränkt geteilt wurde. Ihnen war suspekt, woher mein starker Drang nach Reinlichkeit rührte, der alles andere als gesund sein konnte. Wenn schon nicht von Geburt an, so hatten mir die vielen Waschungen den Verstand aus dem Kopf gespült. Und wenn es daran nicht lag, so erinnerte man sich gern der Tatsache, dass ich mich einst beim Abendmahl an einer Hostie verschluckt hatte. Ich hatte das trockene Stück in den falschen Hals bekommen und wäre beinahe daran erstickt. Obwohl ich frühzeitig lernte mich nützlich zu machen, konnte ich meinen Vater nie so recht von meiner Tüchtigkeit überzeugen. Tüchtige Mädchen besaßen runde, rote Wangen, ausladende Hüften, kräftige Schultern, auf denen das Joch gut zu liegen kam. Ich konnte noch so eifrig den Besen schwingen, mit Futtereimern hantieren, unsere Stube mit frischen Kräutern schmücken und den Kamin auskehren – in den Augen meines Vaters sollte ich niemals als tüchtig gelten. Ich schob es meinen Mängeln zu, dass mein Vater sich in meinem achten Lebensjahr dazu entschied, wieder zu heiraten. »Es muss Ordnung einkehren im Haus. Es geht nicht an, dass die Mägde treiben was ihnen gerade in den Sinn kommt und mit den Knechten schäkern. Eine starke Hand muss her, ordentliche Mahlzeiten auf den Tisch … Ein Erbe! Ja, ein Erbe, denn wem soll ich später die Mühle überlassen, wenn die Knochen steif werden? Diesem tumben Ding, das zwei und zwei nicht zusammenzählen kann, gewiss nicht«, rechtfertigte mein Vater seinen Entschluss vor Pére Ambrose, obwohl dieser nicht nach einer Rechtfertigung verlangte. Vielmehr hatte Pére Ambrose meinen Vater aufgesucht, um ihn auf die Mägde anzusprechen, von denen bereits zwei ihren Dienst mit dicken Bäuchen quittiert hatten. Ehe unser Dorfgeistlicher meinen Vater an seine Pflicht erinnern und ihn ob der Schamlosigkeit seines Gesindes rügen konnte, brachte mein Vater die Rede auf seine Heiratspläne. Dadurch war Pére Ambrose auf eine neue Fährte gesetzt, denn er begann zugleich zu sinnieren, welche Frau für Vater in Frage käme. Mein Vater gehörte zu den wenigen freien Männern von Ambray. Der Marquis de Saint-Fleur richtete zu seinen seltenen Besuchen an der Mühle das Wort an ihn. Aus diesem Grund waren meinem Vater die Vorschläge unseres Geistlichen hinsichtlich seiner Brautwahl völlig einerlei. Er hatte seine Wahl längst selbst getroffen. Sie fiel auf Witwe Agnes, einer Schwägerin des Großbauern Baptiste, die dieser lieber heute als morgen aus dem Haus haben wollte. Sie war jung an Jahren und besaß vielversprechend ausladende Hüften, die meinen Vater nicht nur auf einen, sondern gleich eine Handvoll Erben hoffen ließ. Hätte jemand auf meine Ansicht wertgelegt: ich hielt nicht viel von Witwe Agnes. Tüchtig war allein ihr Mundwerk, ein Quell unerschöpflicher Tratschereien. Über jeden wusste sie etwas zu berichten, und sie wusste es stets besser als alle anderen. Ihre Schwatzhaftigkeit wurde einzig von ihrer überbordenden Gottesfurcht übertroffen, welche sie nicht daran hinderte, gleichzeitig einem erschreckenden Aberglauben anzuhängen. Steif und fest behauptete sie, bei mir ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Ein Kind, das die Hostie ausspuckt, habe entweder den Teufel im Leib oder sei gleich ein Wechselbalg, das die Feen im Tausch gegen ein braves Menschenkind zurückgelassen hatten. Man bräuchte mich nur anzusehen, und schon wüsste jeder Bescheid. Selbstverständlich hatte Witwe Agnes gleich zu Anfang Bescheid gewusst, in jener Nacht, in der meine Mutter unter Schmerzen geboren hatte und anschließend verstorben war. Da Witwe Agnes nicht zugegen gewesen war, war sie bereit auf die Bibel zu schwören, dass sie die Schmerzensschreie meiner Mutter bis zum abgelegenen Hof ihres Schwagers gehört hatte. Glücklicherweise gab mein Vater weder viel auf die Bibel noch auf das Geschwätz seiner Braut. Da er alle Frauen für mehr oder weniger närrisch hielt, waren solche Reden kein Grund für ihn, sich von Witwe Agnes abzuwenden und nach einer klügeren Frau Ausschau zu halten. Er hätte sie viel zeitiger zur Frau genommen, wäre nicht ihr Sohn George gewesen. Ein Junge, über den sich alle so einig waren wie über mich, und dies aus erklärlichen Gründen. Die Gewissheit, dass es mit ihm einmal ein böses Ende nehmen würde, war in allen – außer in seiner Mutter – fest verankert. Man sah ihn entweder bei den Vogelfreien oder gleich am Galgen baumeln. Die Vorstellung, mit ihm unter einem Dach zu leben, ließ mich jeden Abend um ein Wunder beten, das die Heiratspläne meines Vaters scheitern lassen sollte. Mein Vater, dem die Durchsetzung seines Willens so wichtig war wie die Luft zum Atmen, konnte sich im Traum nicht vorstellen von welcher Willenskraft Witwe Agnes beseelt war. Immerhin hatte sie es soweit gebracht, dass er seine Bedenken wegen George vergaß und die redselige Witwe vor den Altar führte.
|
||