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Das Reich der Katzen






 

Alisha Bionda



ISBN: 978-3-940235-79-4

Erschienen: Mai. 09

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 188 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Die Suche zweier Kätzinnen nach dem Reich der Katzen und ihrer eigentlichen Bestimmung. 

 

Die Katzengöttin Bastet hat an ihrer Grabstätte einen Hinweis hinterlassen, wer ihre Nachfolgerin werden soll. Lavina, die Schwarzmagierin erhebt ebenfalls Anspruch auf den Thron. Jeder, der sich in das Reich der Katzen aufmacht, begibt sich in Lebensgefahr. Das bekommen auch die beiden Katzen Onisha und Fleur zu spüren. Trotz aller Listen Lavinas gelingt es ihnen, das Schwarze Kloster zu erreichen, um dort das Buch der Tore, das ihnen den Weg ins Reich der Katzen weisen soll, zu suchen. Für Onisha wird immer deutlicher, dass sie es ist, die sich Lavina entgegenstellen muss.

 

Leseprobe

 

Onisha hockte gelangweilt auf ihrem Fensterplatz und beobachtete das rege Treiben in den angrenzenden Gärten unter sich. Aus jadegrünen Augenschlitzen starrte sie auf die gepflegten Rasenflächen und Blumenbeete. Ihr Blick verweilte an dem Kompostsilo und wanderte dann zu dem kunstvoll angelegten Teich. Dort saß wie jeden Tag diese Katze, über die sich Onisha immer maßlos ärgerte. Es war eine junge Herumtreiberin. Eine Regenrinnenkatze, die nirgends zu Hause war. Deren rötliches Fell wild in alle Richtungen abstand. Sie war unverschämt schlank und bewegte sich elegant und schnell. Und ihre Augen leuchteten in einem Himmelsblau, das einen anzog und bannte, wenn man auf ihren Blick traf.


Das war Onisha jedoch nur dann möglich, wenn die Herumtreiberin den Kopf hob und zu ihr hinaufsah. Was sie auch regelmäßig und in einer so herausfordernden Art tat, die Onisha deutlich zeigte, dass die fremde Katze nicht gerade die beste Meinung von ihr hatte. Respektlos begegnete die Punkerin, wie Onisha sie heimlich nannte, aber auch den anderen Katzen, die sich in den Gärten tummelten. Sie zeigte nicht die geringste Spur Scheu oder gar Ehrfurcht. Selbst dann nicht, wenn der kräftige Kater ihren Weg kreuzte, der das Revier um den Garten herum für sich beanspruchte. Sie plusterte sich wie ein statisch geladener Staubwedel auf, wenn der Macho auf vier Pfoten ihren Weg kreuzte, und fauchte ihn feindselig an. Dabei wirkte sie nicht primitiv oder heruntergekommen. Selbst dann nicht, wenn sie ihm die Mittelkralle zeigte. Sie war allenfalls selbstbewusst und beeindruckend mutig.


Onisha gähnte und streckte vorsichtig eine Pfote gegen die Fensterscheibe. Da traf sie der Blick der Streunerin. Doch ehe Onisha empört aufmaunzen konnte, hatte sich die andere herumgedreht und die Rasenfläche um den Teich verlassen. Onisha stieß einen verächtlichen Laut aus. Sie hatte nicht vor, allzu viele Gedanken um die merkwürdige Katze zu verschwenden. Wohlgefällig betrachtete sie stattdessen ihr gepflegtes Fell. Dann hob sie eine Pfote graziös in die Luft und putzte sie ausdauernd. Wie ein kleiner Waschlappen fuhr ihre raue Zunge über das pechschwarze Fell.


Pah, dachte sie und verzog das Näschen. Was kümmert mich die Punkerin? Warum soll ich mir über sie Gedanken machen? Wir haben NICHTS gemein. Onisha liebte die Mittagsstunden, wenn die vorwitzigen Sonnenstrahlen ihr das Fell erhitzten, sie das Haus für sich alleine hatte und niemand ihre Ruhe störte. Wenn sie die Herrscherin ihres kleinen Reiches war und die weichen Berberteppiche nur ihr allein gehörten. Sie konnte sich keineswegs beklagen. Sie führte ein schönes Leben. Immerhin war sie eine wohl behütete Perserkatze, die als kleines dunkles Wollknäuel auf vier Pfoten zu dem Mann gekommen war, mit dem sie jetzt das elegante Penthouse teilte. Sascha von Hohenberg war ein Architekt mittleren Alters. Ein schlanker, kultivierter Mann, intelligent und ehrgeizig. Onishas Beziehung zu ihm war eng. Beinahe menschlich. Sie entsprach nicht dem kätzischen Ursprung ihrer Seele. Immerhin war sie so wie ihre Artgenossen eine Einzelgängerin. Rudelverhalten war ihr fremd. Das war einer der Gründe, warum sie Hunde verächtlich anfauchte. Sie wollte sich nicht domestizieren lassen. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, gestand sie sich ein, dass ein Eckpfeiler ihres Charakters die Fähigkeit war, sich anzupassen. Onishas enge Beziehung zu Sascha von Hohenberg überschritt diese unsichtbare Grenze bereits. Sie fühlte sich in seiner Nähe wohl. Und er in ihrer. Wenn er sie streichelte, belohnte sie ihn mit lautem Schnurren. 


Onisha genoss seine Gunst und den liebevollen Tonfall seiner Stimme, wenn er mit ihr sprach. Sie hatte ihn zu ihrem Menschen auserkoren. Er besaß nicht nur Verstand, sondern auch Einfühlungsgabe und war dabei äußerst tolerant. So übersah er wohlwollend die Schrammen, die ihre Krallen auf dem feinen Leder der neuen Couch hinterließen, oder ihre dunklen Haare auf seinem Kopfkissen. Übersah, wenn sie ihre Zeichen der Missbilligung in Form kleiner Pfützen auf dem Teppich hinterließ, wenn er geschäftlich verreist war und das Hausmädchen sie versorgte. Aber das Leben mit ihm hatte einen weiteren positiven Aspekt. Onishas Fressnapf war mit Glück bringender Pünktlichkeit gefüllt. Und zwar mit erlesenen Happen. Immer wohl temperiert, wie es ihr empfindlicher Magen verlangte. Mäulchenwarm, wie Sascha von Hohenberg immer lachend betonte. Onisha ließ sich dazu herab, nach jedem Mahl verwässerte Sahne zu trinken. Anders konnte man es nicht ausdrücken. Dabei schlabberte sie nicht so unappetitlich wie Wald-und-Wiesen-Katzen. Nein, Onisha trank in kleinen manierlichen Schlucken, ohne dabei auch nur einen einzigen Tropfen des köstlichen Getränks neben das Schüsselchen zu kleckern. Ihre rosa Zunge schnellte flink vor und zurück. Und sie vermochte es, dabei wohlige Laute der Zufriedenheit auszustoßen. Auch wenn ihre Mutter ihr beigebracht hatte, dass man nicht mit vollem Maul sprach.


Durch Sascha von Hohenberg war somit Onishas leibliches Wohl gesichert, ohne dass sie sich auch nur den klitzekleinsten Gedanken darüber machen musste. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, für sich selbst zu sorgen. Immerhin hatte sie den größten Teil ihres Lebens in dem Penthouse verbracht. Sie war es nicht gewohnt, Mäuse zu fangen. Allein bei dem Gedanken und der blutigen Vorstellung schüttelte es sie schon. Fleisch essen war die eine Sache, aber es selbst zu erlegen eine völlig andere. So begrüßte sie die saftigen Brocken auf ihrem Silbertellerchen jeden Morgen und Abend mit zustimmenden Schnurrlauten, stolzierte mit Trippelschrittchen herbei und aß artig und mit Muße. Es widerte sie an, wenn sie die Straßenkatzen im Garten beobachtete, die Mäuse schlugen und sie dann gierig hinunterschlangen. Sich nicht einmal die Zeit ließen, ordentlich zu kauen, sondern alles in sich hineinschaufelten. Bei diesem Anblick schraubte sich Onishas Magen regelmäßig hoch. "Prolos", pflegte sie dann hochnäsig zu sagen.
Nein, das wäre kein Leben für sie.


Umso mehr genoss sie Saschas wohlwollende Fürsorge. Ihre Freude brachte sie zum Ausdruck, indem sie ihm, wenn er nach Hause kam, zur Begrüßung mit hoch erhobenem Schwanz um die Beine strich. Abends kroch sie zu ihm ins Bett und kuschelte sich in die Seidenlaken. Denn dahin gehörte sie schließlich. Sie war rundherum zufrieden mit ihrem Leben und zählte sich zu der am meisten bevorzugten Katze, die das Universum je hervorgebracht hatte.


Onisha wusste, dass Sascha von Hohenberg das bewunderte, was ihre Wesensart ausmachte: jene Mischung aus unabhängigem Raubtier und sanftem, anschmiegsamem Wesen. Auch wenn das Raubtier in ihr in ewigem Dämmerschlaf lag. Verborgen unter dem wenig artgerechten Lebensstil, den sie führte. Für Sascha war sie ein besonderes Wesen. Onisha ertappte sich dabei, dass sie sich innerlich oftmals über ihn lustig machte. Besonders wenn er mit ihr sprach, als habe er seine beste Freundin vor sich. Schmunzelnd hörte sie sich seine Schmeicheleien an und dachte ohne Böswilligkeit, dass er doch einen kleinen Tick hatte. Und das war gar nicht so abwegig. Denn immerhin war er ja ein Mensch! 


Gottlob gehörte er nicht zu der bornierten Sorte dieser Spezies, die die Meinung vertraten, Katzen könnten nicht sprechen. Er wusste genau, dass Onisha über ein sehr reichhaltiges „Vokabular“ verfügte. Da war das unruhige Spiel ihrer Ohren, das heftige Schlagen ihres Schwanzes oder der mürrische Gesichtsausdruck auf ihrem runden Persergesicht. Aber sie wusste auch stimmlich zu überzeugen. Mal stieß sie, wenn sie zum Beispiel eine Fliege sah und ihr das Wasser im Maul zusammenlief, helle, aufgeregte Meckergeräusche aus, dann wieder, wenn sie aus einem unersichtlichen Grund sauer war, grollte sie in dunkelsten Tönen. Als ob ein wild gewordener Panther im Wohnzimmer säße. Onisha wusste, dass Sascha sie anbetete, und nahm seine Bewunderung erhaben wie eine Königin entgegen. Das wiederum ließ ihn lächeln. Ein weiteres Merkmal ihres Perser-Charakters war die Ruhe, die sie ausstrahlte, und die er nach einem anstrengenden Tag liebte. Manchmal lümmelte er auf der Couch und ließ sie nicht aus den Augen. Wie sie vor der Heizung saß mit genau nebeneinander gestellten Vorderpfoten, den buschigen Schwanz manierlich darübergelegt, und Sascha aus ihren tiefgründigen Augen ansah. Liebevoll, und als könne sie kein Wässerchen trüben.
Sascha ertappte sich dann dabei, sie am liebsten auf ihre kleine Nase küssen zu wollen.


Onishas Leben war überschaubar. Sie liebte die Regelmäßigkeit ihres Tagesablaufs. Keine unvorhersehbaren Gefahren und keine Kümmernisse. Das hatte sie bisher glücklich gemacht. Doch auf der anderen Seite war ihr Leben gerade deswegen auch sturzlangweilig. In sich hörte sie plötzlich eine Stimme, die sie aufforderte, hinaus in die Gärten zu laufen. Wo sie ihrer Natur entsprechend herumstöbern und schnuppern konnte. Diese Stimme rief etwas in ihr hervor, was sie noch nicht einzuordnen wusste. Was aber ihr bisheriges Leben in Frage stellte.


Saschas Liebkosungen kamen ihr an diesem Abend plötzlich aufdringlich vor. Ihr angenehmes Leben ödete sie mit einem Mal an, und Onisha konnte sich selbst nicht mehr ausstehen. Sehnsüchtig beobachtete sie in den folgenden Tagen die übermütigen Balgereien der anderen Katzen im Garten. Beneidete sie um ihre ungezügelte Lebensfreude. Wie gerne würde ich mit ihnen ein Schwätzchen halten, dachte sie und war erstaunt über die Heftigkeit dieses Wunsches, den sie noch nie zuvor verspürt hatte.


Tief in ihrem Inneren fühlte sich Onisha einsam.


Bisher hatte sie darüber noch keinen Gedanken verschwendet, doch jetzt hatte er sich einmal in ihrem Kopf festgesetzt und ließ sie nicht mehr los. Das Unbekannte lockte, das Abenteuer. Wie gerne hätte sie das Gefühl kennengelernt, ihre Pfoten in frische Erde zu vergraben oder ihre Krallen in herbduftende Baumrinde zu schlagen. Oder wäre einfach, wie die beiden jungen Katzen jetzt, in langen Sätzen über den Rasen gejagt. Die Stimme ihrer Mutter, die sie stets gemahnt hatte, dass es für sie nicht schicklich war, ausgelassen herumzutoben, wurde immer schwächer und verklang schließlich. Onisha seufzte. Sie rollte sich zu einer Fellkugel zusammen und schloss die Augen. Schlief sofort ein. Was nicht besonders ungewöhnlich war. Ebenso, dass sie postwendend träumte. Doch diesmal waren die Träume wieder bedrohlich. Unruhig bewegte sich Onisha im Schlaf. Kämpfte mit den Traumgestalten, die ihr allesamt fremd und doch gleichzeitig bekannt vorkamen, auch wenn sich das widersprach.


Laut maunzend wachte sie wieder auf, rappelte sich schweißgebadet hoch und blieb eine Weile sitzen. Versuchte, ihre verwirrten Gedanken zu ordnen. Sie hatte so intensiv geträumt, dass sie sich die berechtigte Frage stellte, ob es real oder wirklich nur ein Traum gewesen war, und ob es noch andere Wesen außer Menschen und Tiere gab. Womöglich Mischgestalten?


Eine bessere Bezeichnung dafür fiel Onisha nicht ein. 


Die Wesen, die ihre Traumwelt beherrscht hatten, wiesen alle menschliche und tierische Merkmale auf. Und sie standen irgendwie über den Dingen. Beherrschten die Welt. Darin trieb auch ein Käfer, ein giftgrüner Käfer, sein Unwesen. Er schien eine große Bedeutung in dieser fremden Welt zu haben. Doch ihr war, als sei der Käfer durchaus ein Glücksbote. Ein gutes Omen. 


Woher sie diese Erkenntnis nahm, war ihr schleierhaft, aber sie war unumstößlich in ihr.


Onisha hatte nicht zum ersten Mal von dieser ihr fremden und verwirrenden Welt geträumt. Die Bilder in ihrem Kopf ließen sie aber jetzt nicht mehr los. Sie waren es schließlich, die in ihr immer mehr den Wunsch nährten, endlich hinaus in die Welt zu gehen. Zumal eine unbekannte Stimme neuerdings eindeutig Befehle in ihr flüsterte: Suche den Berg, von Menschenhand geschaffen, der bis in den Himmel reicht … und das Wort Sachmet, Sachmet … Wer oder was auch immer das sein mochte.


Das war der ausschlaggebende Punkt, der Onisha bestätigte, dass es Zeit war, sich von ihrem beschaulichen Leben zu verabschieden.


Eines Tages war es endlich so weit. Das spanische Hausmädchen ließ die Tür einen Spalt auf und Onisha huschte hindurch. Sie rannte kopflos im Zickzack durch den Hausflur und hatte erneut Glück. Die Frau aus dem Penthouse in der ersten Etage öffnete eben die Haustür und rief Onisha, als diese an ihr vorbeischoss, ein kurzes "Hey, wo willst du denn hin?" hinterher.


Onisha schenkte ihr keine Beachtung, sondern raste in einen benachbarten Garten. Dabei schlotterte sie am ganzen Leib. So sehr, dass sie strauchelte und beinahe mit der Nase voran auf den Rasen gestürzt wäre.


Ein hämisch kicherndes Zischen erklang.


Onisha fuhr herum, und da war sie: die Punkerin.


Mit forschem Blick musterte diese Onisha und verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen.


"Ach du grüne Neune. Die eingebildete Pute aus dem Penthouse. Du bist wohl auf der Flucht", sagte sie laut. "Was ist los? Ist dir der Kaviar ausgegangen?"


Onisha fauchte nervös. Was wollte die Punkerin von ihr?


Die fuhr, als Onisha beharrlich schwieg, unbeeindruckt fort: "Bist du verstummt? Hat es dir die vornehme Sprache verschlagen? Du bist doch die, die immer mit arroganter Miene auf der Fensterbank sitzt und auf uns herabblickt. Was verschlägt denn Eure Hoheit unter das normale Fußvolk?"


Onisha zischte empört. So etwas war ihr noch nie untergekommen. In dem Tonfall hatte noch niemand mit ihr gesprochen. Onisha wusste nicht weiter. Also setzte sie die hochmütigste Miene, die sie in ihrem Repertoire hatte, auf. Wohl auch, um der fremden Katze nicht zu zeigen, wie viel Angst sie in Wirklichkeit hatte.


Die Punkerin zeigte sich völlig unbeeindruckt. "Ich heiße Fleur und du?", fragte sie geradeheraus.


"Onisha", presste Onisha hervor.


"Schöner Name", erklang es widerwillig. "Aber du bist ja auch die Crème de la Crème der Katzen. Zumindest hältst du dich dafür!" Fleur zeigte deutlich, dass sie keine allzu hohe Meinung von Onisha hatte.


Onisha antwortete nicht, sondern sah sich um. Sie hatte andere Sorgen. Aus dem sicheren Penthouse wegzulaufen war die eine Sache, doch hier draußen auch zu leben die andere. Es stellte sie vor einige Probleme. Hier war kein prall gefüllter Futternapf, und sie hatte keine Ahnung, was sie nun mit ihrer Freiheit anfangen sollte. Sie richtete den Blick in die Ferne, ohne recht zu wissen, was sie dort überhaupt suchte. Doch sie wäre eher gestorben als Fleur zu fragen, was sie jetzt tun sollte.


"Die Gesprächigste bist du aber auch nicht. Du bist ja noch langweiliger, als ich dachte." Fleur streckte sich und drehte Onisha das Hinterteil zu. "Tschüs!", maunzte sie und ging.


"Warte!", kreischte Onisha. Sie wusste, wenn sie Fleur jetzt nicht zurückhielt, war das nächste Essen mehr als in Frage gestellt. Dann würde sie wider Willen mit ihrer lange vor sich hergeschobenen Diät Ernst machen müssen.


Fleur drehte sich im Zeitlupentempo herum. In ihren wunderschönen, ungewöhnlich blauen Augen funkelte es amüsiert. "Willst du etwa mitgehen?", fragte sie ironisch. "Dem Schickimicki-Leben den Rücken kehren? Das wäre mal was Neues. Aber ich warne dich, hier draußen gibt es nicht nur Gartenzwergidylle. Hier draußen tobt das wahre Leben."


Onisha schüttelte den Kopf. "Du hast eine komische Art, dich auszudrücken", erwiderte sie gestelzt.


Fleur konnte das jedoch nicht aus der Ruhe bringen. "Willste jetzt mitkommen oder nicht?", fragte sie lässig. 


"Ich wäre sehr erfreut, wenn du mich mitnimmst", antwortete Onisha.


"Na gut, schaun wir mal, wie weit wir zu zweit kommen", antwortete Fleur wenig begeistert, ging voraus und murmelte vor sich hin: "Ich muss verrückt sein, mir solch einen Klotz an das Bein zu hängen!"


Onisha lief hinter der Herumtreiberin her. Der Boden unter ihren empfindlichen Pfoten war hart und uneben. Spitze Steine und Schotter quälten ihre Ballen. Das war ganz und gar nicht das, was sie sich in ihren Abenteuerträumen ausgemalt hatte. Sie wusste zwar nicht genau, was sie erwartet hatte, aber das jedenfalls nicht. Hinzu kam, dass Fleur ein Affentempo an den Tag legte. Schon nach wenigen Metern war Onisha völlig aus der Puste. "Ist es erforderlich, so zu rennen?", keuchte sie unwillig.


"Ist es erforderlich, ist es erforderlich", äffte Fleur sie nach, lief aber nun wenigstens etwas langsamer. "Mir ist wirklich schleierhaft, wie du so leben konntest", fuhr sie munter fort. "Ich wäre vor Langeweile gestorben. Die Menschen sind doch alle vollgefressene Sesselfurzer."


Onisha stieß einen empörten Laut aus. "Na, du hast aber ein Vokabular!"


Fleur kicherte. "Ich kann noch ganz anders."


Das glaubte Onisha ihr aufs Wort. Doch in diesem Augenblick verspürte sie nicht das geringste Verlangen nach einer Kostprobe. Sie hatte genug Probleme, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Die Luft war stickig und lastete schwer auf ihr. Onishas Atem ging flach und unregelmäßig. Zum ersten Mal fragte sie sich, welcher Teufel sie geritten hatte, ihr bequemes Leben aufs Spiel zu setzen. Und verfluchte sich insgeheim dafür.


Ob Sascha von Hohenberg schon verzweifelt nach ihr suchte?


Fleurs Geplapper drang in ihre Gedanken: "… und nun kommen wir gleich zum Wald der wandernden Schatten."


Sie hatten in der Zwischenzeit eine viel befahrene Landstraße erreicht. Onisha irritierten die vorbeibrausenden Autos ebenso wie Fleurs letzter Satz. "Wald der wandernden Schatten?", fragte sie erschrocken, stolperte und machte einen unkontrollierten Satz nach vorn. Dabei stieß sie Fleur so heftig an, dass diese beinahe auf die Straße gestürzt wäre. Ein schnittiger Sportwagen fuhr haarscharf an ihnen vorbei. Im allerletzten Augenblick riss der Fahrer das Lenkrad herum, fuhr einen scharfen Bogen um Fleur und hupte laut.


"Du dämliche Ziege! Willst du mich umbringen?", kreischte Fleur und schlug mit der Pfote nach Onisha. "Du bist wirklich die dümmste Katze, die ich kenne. Und die arroganteste. Ich hätte Lust, dich hier deinem Schicksal zu überlassen. Weit wirst du allerdings mit deinem Standesdünkel nicht kommen. Aber was kümmert es mich, was aus dir wird? Und lehrreich wäre es für dich allemal. Endlich mal auf dich allein gestellt zu sein. Einen kleinen Denkanstoß hast du jedenfalls verdient."


Onisha schrie erschrocken auf, als Fleurs Krallen ihre empfindliche Nase trafen und blutige Striemen hinterließen. Sie hatte bisher in ihrem Leben nur Streicheleinheiten bekommen. Fleurs Krallen sprachen eine völlig andere Sprache. Onisha duckte sich, um dem nächsten Schlag zu entgehen. Sie warf Fleur einen wütenden Blick zu, die diesem unbeeindruckt standhielt. Stumm fochten sie ein Blickduell aus, aus dem Fleur eindeutig als Siegerin hervorging. 


Und ein kleines Wunder geschah: Onisha senkte das erste Mal in ihrem Leben die Augen. "Es tut mir sehr leid", stotterte sie. "Aber als du den Wald erwähntest, habe ich …"


"Dein bisschen Grips verloren", schnauzte Fleur. "So eine ungeschickte Kuh ist mir noch nie untergekommen. Ich muss von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, als ich dich mitgenommen habe!"


Onisha setzte wieder ihre hochnäsige Miene auf. "Ich habe mich bereits entschuldigt. Ich weiß wirklich nicht, wie oft ich noch sagen soll, dass es mir leid tut."


"So oft, bis in deinem Schädel außer Borniertheit und Luft auch ein Hauch von Verstand ist", fauchte Fleur. Dann warf sie Onisha einen Blick zu, der töten konnte, und sagte drohend: "Wenn du dir noch mal so einen Scheiß erlaubst, kannst du sehen, wo du bleibst!"


Schweigend trottete Onisha hinter Fleur her. Sie hat sich zu Recht aufgeregt, dachte sie, ich habe sie durch mein unüberlegtes Handeln in Lebensgefahr gebracht. Sie nahm sich vor, in Hinkunft vorsichtiger zu sein. Aber schon bald hatte sie den Schock überwunden und fragte sich, was es mit dem Wald auf sich hatte. Warum er wohl Wald der wandernden Schatten hieß?


Onisha war noch nie die Mutigste gewesen. Allerdings war der Wunsch, heldenhafter zu werden, auch bisher aus Mangel an Gelegenheiten gescheitert. "Ist es noch weit bis zu dem Wald?", versuchte sie wieder ein versöhnliches Gespräch in Gang zu bringen. Doch Fleur gab nur eine einsilbige Antwort von sich. Onisha dachte erst, dass sie immer noch wütend war, was durchaus verständlich gewesen wäre. Aber ein Blick in Fleurs Gesicht zeigte ihr, dass sie etwas anderes beschäftigte. Ja, geradezu zu beunruhigen schien. Fleurs Blick schweifte aufmerksam und rastlos einher. Sie hatte ihre Ohren wie zwei Radarteller aufgestellt und lauschte in alle Richtungen. Dabei war ihr gesamter Körper gespannt. Drückte höchste Aufmerksamkeit aus. Als ob sie einen nahenden Feind beobachtete.


Ihre Nervosität ging auf Onisha über. Auch wenn diese nicht wusste, was sie beunruhigte, spürte sie doch, dass sie sich auf etwas Bedrohliches zubewegten. Als sie den Wald erblickte, wusste sie es.


Die ersten Bäume erschienen am Horizont. Sie erhoben sich mit ihren spitzen Kronen drohend wie unheimliche Kapuzenmänner in den Himmel. Es lag etwas in der Luft, das Onisha nicht mit Worten beschreiben konnte. Aber es war spürbar da. Und es gefiel ihr nicht. 


Nebelschwaden waberten wie Spinnweben zwischen den Bäumen, griffen mit feuchtmodrigen Fingern nach ihnen. Onisha meinte sogar, absonderliche Skulpturen und Bauten zwischen den Bäumen zu erblicken. Ihr wurde blitzschnell klar, warum der Wald die Bezeichnung "Wald der wandernden Schatten" erhalten hatte. Überall zwischen den Bäumen war Bewegung, von nicht eindeutig auszumachender Wesen. Da waren menschliche Gestalten mit Tierhäuptern, die durch den Nebel huschten. Gerade so schnell, dass man sie wahrnahm, sie aber nicht genau sehen konnte.


"Unmöglich", murmelte Onisha nervös.


Fleur duckte sich plötzlich und schlich, flach wie eine Flunder, über den Boden. Verharrte dann und wann. Schlich aber immer weiter, in bedächtigen Bewegungen, den Blick starr auf den Wald gerichtet. 


Ein einsamer Lichtstrahl traf sie.


Fleur zuckte nervös zusammen.


"Was ist?", flüsterte Onisha mit heiserer Stimme. Fleur antwortete nicht, sondern kroch weiter. Hochkonzentriert und äußerst geschmeidig. Onisha hatte Schwierigkeiten, ihren plumpen Körper halbwegs so elegant fortzubewegen. Sie kam sich wie die sprichwörtliche Matrone neben einer zierlichen Elfe vor. Und mit jedem Schritt, den sie machte, sank ihr Mut. Sie warf einen Blick zur Seite. Fleurs starres Katzengesicht erinnerte sie an die toten Gesichter der Barbie-Puppen, mit denen Saschas Nichten immer spielten, wenn sie zu Besuch kamen.


Sie erreichten den Waldrand. Fleur verharrte. Unschlüssig sah sie sich um.


"Was ist los?", wiederholte Onisha ihre Frage.


Und endlich erhielt sie eine Antwort. "Ich weiß nicht, ob wir durch den Wald der wandernden Schatten gehen sollen … Ich habe so ein komisches Gefühl … Es wäre besser, umzukehren … aber ich muss …" Sie verstummte erschrocken, als hätte sie schon zu viel verraten.
"Dann lass uns einen anderen Weg nehmen", schlug Onisha vor.


Fleur warf ihr einen merkwürdigen Blick zu. "Wenn das so einfach wäre. Aber das ist es leider nicht. Es gibt Dinge …" Sie brach erschrocken ab. "ICH muss durch diesen Wald … Wenn du nicht mitgehen willst, ist das deine Sache", sagte sie kurz angebunden.


Das machte Onisha wütend. Was fiel dieser Herumtreiberin eigentlich ein? Sie spielte sich wie eine Piratenbraut auf, die Befehle gab und Onisha dabei im Ungewissen ließ, in welches Unglück sie womöglich lief. Onisha öffnete das Maul und wollte gerade protestieren, als sich Fleur wieder in Bewegung setzte. 


Nach wenigen Metern erreichten sie die erste Baumreihe und Onisha kam es vor, als ob sie eine unsichtbare Grenze überschritten.


Die Grenze zu einer anderen Welt.


Der Wind schrie plötzlich wie eine gequälte Seele auf. So laut, dass Onisha heftig zusammenzuckte. Aber sie hatte keine Zeit, sich ihren Ängsten hinzugeben, denn sie hatte Mühe, Fleur zu folgen, die es mit einem Mal sehr eilig hatte. Onisha sah sich furchtsam um. Von dem Wald ging die Aura des Bösen aus. Auch wenn es nicht greifbar war, so war es doch da: Das Böse, das bisher Onishas Leben verschont hatte. Es fröstelte sie. In ihrem Kopf war nur ein einziger Gedanke: nichts wie weg! Sie wollte sich herumdrehen und Fleur auffordern, den Wald wieder zu verlassen. Aber irgendetwas trieb diese in den Wald hinein. Und Onisha hinterher.


Fleurs Verhalten gab Onisha Rätsel auf. Was weißt du schon von ihr?, wisperte eine leise Stimme hinter ihrer Stirn. Sie ist eine Herumtreiberin. Wer weiß, vielleicht lockt sie dich geradewegs in eine Falle.


Blödsinn, rief sich Onisha zur Ordnung, was hat sie denn davon? Nichts! Aber ein leiser Zweifel blieb. Im Unterholz knackte und raschelte es. Onisha machte einen erschrockenen Satz nach vorn. Fleur lachte laut, als sie in die angstvoll aufgerissenen Augen der Perserkatze sah. "Irgendwann kippst du mir noch aus den Latschen. Was bist du nur für ein Angsthase!"


"Ist das ein Wunder? Erst schleichst du flach wie ein Pfannkuchen durch die Gegend und vermittelst mir den Eindruck, dass mit dem Wald irgendetwas nicht stimmt …"


"Das ist auch nicht von der Pfote zu weisen."


"Das auch noch", stöhnte Onisha. "Dachte ich es mir. Ich habe schon die ganze Zeit das Gefühl …"


"Du auch?", stieß Fleur hervor. Onisha nickte. "Wenn selbst du es spürst", fuhr Fleur wie in Gedanken fort. "Dann …"


"Was heißt das denn schon wieder? Selbst du …" Onisha verzog beleidigt das Gesicht.


Fleur stieß einen spitzen Laut aus. "Sei nicht so empfindlich." Dann wurde sie schlagartig ernst. "Wir sollten hier nicht ungeschützt herumstehen."


Onisha stimmte Fleur zu. "Wenn ich an die merkwürdigen Schatten denke, die ich gesehen habe …"


Fleur fuhr herum. Ihr Blick sagte: Du auch? Leise stieß sie hervor: "Lass uns lieber weitergehen!"


Onisha gehorchte widerspruchslos. Aber nach wenigen Minuten war es damit schon vorbei. "Meine Pfoten tun weh", beschwerte sie sich.


Fleur warf ihr einen schrägen Blick zu. "Kein Wunder!"


Onisha blickte auf ihre Krallen. "Was soll das heißen?"


"Das soll heißen, dass es kein Wunder ist bei den langen Dingern, dass du schon nach kurzer Zeit schlapp machst." Fleur stieß einen schrillen Laut aus. "Geh an den nächsten Baum und wetz dir die Dinger mal ab. Für lange Märsche sind die nicht geeignet. Allenfalls für ein Kaffeekränzchen. Und selbst du solltest allmählich begriffen haben, dass es das hier draußen nicht gibt."


"Pah!" Onisha verzog beleidigt das Gesicht. "Meinst du, es ist angenehm, nichts zu fressen zu haben und kilometerweit über harten Boden zu marschieren? Das finde ich alles andere als erfreulich. Ich hatte mir das anders vorgestellt!"


"Und ich habe Recht behalten. Du mäkelst an allem herum und beschwerst dich und beschwerst dich und beschwerst dich", fuhr Fleur fort und zog eine Grimasse. "Das ist wirklich kaum auszuhalten. Dabei bist du nicht das Maß aller Dinge."


"Das habe ich auch nie behauptet!", verteidigte sich Onisha, stimmte Fleur aber innerlich zu. Sie war wirklich sehr von sich eingenommen. Gewesen? Nein, irgendwie war sie es immer noch. Ist das die Stimme des Blutes?, fragte sie sich. Wohl kaum, so einfach konnte sie es sich nicht machen und sich auf ihre Herkunft herausreden, gab sie sich selbst die Antwort. Ihre Arroganz war zwar anerzogen, eine unliebsame und höchst überflüssige Beigabe ihrer überzüchteten Rasse.


Aber da war noch etwas.


Erstmals spürte sie, dass tief in ihr reiner animalischer Instinkt schlummerte. Instinkt, der darauf wartete, an die Oberfläche ihres Wesens zu gelangen. Onisha fürchtete sich noch davor, was er zutage bringen würde. Aber sie wusste, dass es unaufhaltsam war, nur noch eine Frage der Zeit, wann sich ihr wahres Ich hervorkämpfte. Und sie war, ehrlich gesagt, auch reichlich neugierig darauf.


"Du verhältst dich aber so. Entweder bist du so versnobt, oder schon als Nervensäge zur Welt gekommen", fuhr Fleur aufgebracht fort.


"Ich befürchte Letzteres", gestand Onisha und erntete einen erstaunten Seitenblick.


"Was war denn das?", fragte Fleur gedehnt. "Ein Anflug von Selbsterkenntnis? Ich fasse es nicht … Madame von und zu lässt sich herab, einen Fehler einzugestehen Dass ich das noch erleben darf. Ungeheuerlich."


"Du musst ja jetzt nicht unbedingt darauf herumreiten. Ich denke, wir wollten weitergehen. Ist das nicht wichtiger, als über meine Verfehlungen nachzudenken?" Onisha war das Thema unangenehm.


Fleur warf ihr noch einmal einen Blick zu und setzte sich dann tatsächlich in Bewegung. Mit grimmiger Entschlossenheit ignorierte Onisha den Schmerz der wunden Ballen ihrer Pfoten und folgte ihr.



Der Tag neigte sich dem Ende zu. Endlich konnte Onisha sich ausruhen. Fleur hatte sich in ein Gebüsch zurückgezogen. Onisha kroch hinter ihr her. Was nicht einfach war. Überall blieb sie mit ihrem langen Fell hängen. Es ziepte zwar heftig und sie riss sich etliche Haarbüschel aus, aber sie verkniff sich jegliches Jammern. Stumm ließ sie sich neben Fleur nieder und blickte sich um. Ihr war nicht wohl in ihrer Haut. Dunkle, verzerrte Schatten bewegten sich durch die Büsche. Onisha zog fröstelnd, und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, auch angstschlotternd den Kopf zwischen die Schultern. Auffrischender, beißender Wind teilte plötzlich das Strauchwerk, Dornenzweige klatschten in Onishas Gesicht. Sie maunzte schmerzerfüllt auf.


"Es gibt ein Unwetter", sagte Fleur überflüssigerweise und blickte besorgt in den Himmel. Wieder hetzten Schatten über den Boden. Sie tänzelten gespenstisch durch die undurchdringliche Schwärze. Waren das die Gestalten, die Onisha schon einmal gesehen hatte? Die mumifizierten Menschen mit den bronzefarbenen Hautfetzen? Oder der hochgewachsene Mann mit dem Falkenkopf? Oder gar diese alles überragende Skulptur? Dieses steinerne Gesicht mit Königsbart und Königskopftuch auf einem Löwenleib?


Onisha schloss die Augen.


Das Heulen des Sturmes nahm zu. Und auch seine Stärke. Fleur kroch tiefer in das Gebüsch hinein. Onisha hinterher. Schutz suchend presste sie sich eng an Fleurs zierlichen Körper. "Hoffentlich hört das bald auf!", rief sie mühsam gegen die Stimmgewalt des Sturmes an.


"Quassle jetzt nicht", kreischte Fleur zurück. "Drück dich auf den Boden und halte die Rübe runter."


Onisha hatte keine Zeit mehr, gegen den rüden Tonfall zu protestieren. Die nächste Windböe fegte heftig über sie hinweg. Nahm ihr den Atem und presste sie unsanft zu Boden. Sie schloss erneut die Augen und schickte das erste Stoßgebet ihres Lebens gen Himmel. Das erste ernst gemeinte zumindest.


Als das Unwetter endlich verebbte, hatte Onisha endgültig die Nase vom Abenteuerleben voll. "Mir reichts. Ich gehe zurück nach Hause", verkündete sie und kroch aus dem Gebüsch. Sie hatte das Gefühl, mindestens tausend Dornen in ihrem Fell zu haben. Und ihre Pfoten sahen auch nicht besser aus. Sie waren mit blutigen Krusten übersät. Onisha seufzte. Sie bot einen erbärmlichen Anblick.


Fleur saß schon vor den Büschen auf dem nassen Erdboden und leckte sich die Pfoten. Dann stellte sie sie manierlich nebeneinander und sah Onisha ruhig an. "Dachte ich es mir, dass du bei der erstbesten Gelegenheit kneifst und heulend zurück in deinen Palast rennst. Unter die Fittiche dieses MENSCHEN!" Sie schnaufte verächtlich.


"Ich finde es durchaus angebracht, in Erwägung zu ziehen, wieder nach Hause zu gehen. Nachdem ich diesen furchtbaren Sturm nur mit Müh und Not überlebt habe." Onisha erschauderte bei der Vorstellung, was alles hätte passieren können. Aber ihr behagte der Gedanke, alleine zurückzugehen, noch weniger.


"Musst du immer so geschwollen daherreden? In Erwägung ziehen … Und dann diese schamlose Übertreibung: ‚mit Müh und Not überlebt‘ … Du hast vielleicht einen Knall."


"Es kann ja nicht jeder wie du durch die Gegend laufen. Schau dich doch einmal an. Du siehst aus wie ein wild gewordener Handfeger", erwiderte Onisha eingeschnappt. Sie war es nicht gewöhnt, dass man so mit ihr sprach. Sascha von Hohenbergs Stimme hatte sich nie erhoben, auch wenn sie als kleines Kätzchen einmal Blödsinn angestellt hatte. Wenngleich das äußerst selten vorgekommen war. Onisha war nun einmal ein ruhiges, sittsames Katzenkind gewesen. Ruhig, sittsam und langweilig.


Fleur war nicht im Geringsten beleidigt. Sie blickte Onisha herausfordernd an. "Ich ziehe jetzt weiter. Was ist, kommst du nun mit oder gehst du zurück?"


Onisha überlegte nicht lange. Sie war fest davon überzeugt, dass sie alleine niemals nach Hause gefunden hätte. Mit ihrem Orientierungssinn war es nicht weit her. Das ist ja wohl stark untertrieben, dachte sie im Anfall eines Ehrlichkeitswahns, ich habe überhaupt keinen.


Fleur ging einfach los. Sie wartete weder Onishas Antwort ab, noch achtete sie darauf, ob diese ihr folgte. Onisha blieb nichts anderes übrig, als eilig hinter ihr herzurennen. Fleur hatte eine Art, durch die Welt zu gehen, als gehöre sie ihr, und sie war dabei in ihrer Unternehmungslust nicht zu bremsen.


Onisha betrachtete sie verstohlen. Fleur war wirklich eine Schönheit. Die Bezeichnung war keineswegs übertrieben. Man musste nur zweimal hinsehen, um sie zu entdecken. Unter all ihrer Wildheit verbarg sich ein Kleinod. Das Gesicht mit den ausgeprägten Zügen, die zierliche Gestalt und die unter ihrer Wuschelmähne verborgenen großen Ohren. Und nicht zu vergessen: ihre ungewöhnlich blauen Augen. Und da war noch etwas, was Onisha nicht beschreiben konnte. Etwas Unfassbares, eine Art innerer Schönheit und Weisheit, die dem Auftreten der jungen Katze widersprach. Onisha vergass völlig, dass sie sich immer noch in dem unheimlichen Wald aufhielten. "Du siehst gut aus", sagte sie unzusammenhängend.


Fleur blieb erstaunt stehen. "Das war mit Abstand das Netteste, das du mir bisher gesagt hast."


Onisha deutete mit der Pfote in die Richtung von Fleurs Kopf. "Nur deine Ohren sind ziemlich groß." Sie kicherte. "Richtige Propeller."


Fleur verzog amüsiert und kein bisschen eingeschnappt das Gesicht. "Dachte ich es mir, dass du sofort wieder alles zunichte machen musst. Du bist und bleibst eine Nervensäge. Aber zu deiner Information: Ich bin eine Falbkatze. Wir haben alle solche Ohren."
"Von Falbkatzen habe ich noch nie etwas gehört", gestand Onisha.


"Ich denke, du bist so gebildet?", zog Fleur sie auf. "Auch Bastet, die ägyptische Katzengöttin, war eine Falbkatze."


Bastet.


Sie war der Inbegriff der kindlichen Fantasien, die Onisha die ersten Jahre ihres Lebens beschäftigt hatten. Ihre Mutter hatte immer voller Ehrfurcht von der Göttin gesprochen, die auch als Glücksgöttin galt.


Fleur beachtete Onishas Schweigen nicht, sondern plapperte weiter: "Bastet ist die Göttin mit dem Katzenkopf." Sie legte eine bedeutsame Pause ein: "Bastet hat es wirklich gegeben …" Fleur zögerte. "Manchmal habe ich das sichere Gefühl, dass es sie immer noch gibt. Aber lassen wir das. Es gibt Wichtigeres. Bastet hatte eine eigene Stadt …" Fleur hüstelte. "Die Stadt der Katzen … besser gesagt, das Reich der Katzen …"


"Das Reich der Katzen", murmelte Onisha verträumt und eine Stadt aus gläsernen Gebäuden riesigen Ausmaßes tauchte vor ihrem geistigen Auge auf. Die Vorstellung war so realistisch, dass Onisha zusammenzuckte. Sie sah Fleur fragend an. "Glaubst du, es gibt sie wirklich?"


"Wen? Bastet? Oder die Stadt der Katzen?", fragte Fleur, überrascht über den Ernst und das Interesse in Onishas Stimme. "Ich glaube schon, nein, ich bin fast überzeugt. Bastet war die katzenköpfige Gemahlin des Sonnengottes Re. Ihre Grabstätte befindet sich in der Stadt der Katzen. In dem für sie errichteten Tempel. Dort soll die Antwort auf das Geheimnis sein, wer Bastets Nachfolgerin wird. Wer künftig über das Reich der Katzen herrschen soll."


Onisha setzte sich auf. "Dann lass sie uns suchen!", schlug sie beherrscht vor. So beherrscht, als wäre der Vorschlag das Selbstverständlichste von der Welt. War es plötzlich auch. Alles, was ihre Mutter ihr jemals erzählt hatte, ergab nun einen Sinn.


Fleur riss die Augen auf. Nicht nur erstaunt. Nein, nahezu erschüttert. "Ja, was meinst du denn, wohin ich will? Ich gehe nicht umsonst durch diesen Wald!"


 "Dann lass uns weitergehen und keine kostbare Zeit verplempern", forderte Onisha. "Ich begleite dich." 


"Meinst du das ernst?", stotterte Fleur. "Du willst mich nach wie vor begleiten? Es wird kein Zuckerschlecken werden!"


"Natürlich gehe ich mit." Onisha kicherte. "Du müsstest mal deinen Gesichtsausdruck sehen. Einfach köstlich. Als wenn dir ein Geist erschienen wäre."


"Ist mir auch", erwiderte Fleur. "Der Geist der wahren Onisha."


Onisha wusste nicht, ob sie Fleurs Worte als Kompliment sehen sollte oder nicht. "Was ist, wollen wir nun weitergehen oder nicht? Warst du es nicht, die mir dauernd vorgehalten hat, dass man nicht nur auf Seidenkissen sitzen und sich von einem Menschen aushalten lassen soll?"


"Ja, ja", schnaubte Fleur. "Das habe ich gesagt. Aber du wirst deinen Vorschlag noch verfluchen" Sie grinste. "Wie ich dich kenne, sogar sehr schnell, denn es wird ziemlich strapaziös. Immerhin sind wir Katzen keine Wandertiere. Wenngleich …"


"Also gut, es ist beschlossene Sache. Wir gehen!", tönte Onisha dazwischen und blickte triumphierend in den Himmel. Sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so wohl gefühlt. Ungeahnte Kräfte schienen in ihr geschlummert zu haben, von denen sie nichts geahnt hatte, und die erwachten nun zu neuem Leben. Das Gefühl gefiel ihr. Sehr sogar. Wenn sie ehrlich zu sich war, konnte man sich geradezu daran gewöhnen.


Fleur hatte Onishas eindeutigen Marschbefehl noch nicht so richtig verdaut. "Das ist ja ein Hammer", flüsterte sie vor sich hin. "Madame Hochwohlgeboren entwickelt Abenteuerlust." Sie musterte Onisha heimlich unter ihrem fransigen Stirnhaar hervor. "Aber diesmal hast du Recht. Auch wenn ich’s nicht gerne zugebe: Bastets Reich ist meine Bestimmung. Und vielleicht auch deine. Auch wenn du eine eingebildete Zicke bist."


"Hast du mit mir gesprochen?", drang Onishas Stimme in Fleurs geflüsterten Monolog.


Fleur schüttelte den Kopf. Onisha konnte einfach nicht fragen: "Was hast du gesagt?" Oder nur: "Was?", wie es Fleur gemacht hätte. Nein, sie musste es natürlich formvollendet ausdrücken. Sie würde sich nie ändern! Fleur seufzte ergeben. "Wir können nicht alleine weitergehen. Das wäre zu gefährlich"


"Wie bitte?"


"Wir müssen Ben und seine Gang bitten, uns zu begleiten."


"Wer ist Ben?"


"Das wirst du noch früh genug erfahren", erwiderte Fleur geheimnisvoll und verzog ihr Gesicht zu einer schadenfrohen Grimasse. "Ben wird dir schon die Flausen aus dem Kopf treiben. Und zwar gründlich." Sie grinste wie ein Honigkuchenpferd vor sich hin.