Klappentext
Man nennt ihn Bragi – der Name des altgermanischen Gottes der Dichtkunst. Und tatsächlich scheint er mehr zu sein als ein Vampir. Der exzentrische Rockstar versteht es, mit seiner Musik Menschen und Vampire gleichermaßen zu begeistern.
Hat sein Auftauchen in Krinfelde etwas mit dem neuesten Fall von Privatdetektivin Leyla Barth zu tun?
Fest steht, dass Thetania e. V. weiterhin seinen Geschäften nachgeht, obwohl Leyla und der Meistervampir Rudger von Hallen der Sekte schon einmal in ihr fragwürdiges Handwerk gepfuscht haben.
Während Thetania expandiert und neben Menschen nun auch Vampire zu Opfern werden, wirft die geheimnisvolle Vampirin Iduna einen Schatten auf die junge Beziehung zwischen Leyla und Rudger.
Leseprobe
Gegen Mitternacht hatte sich die Gesellschaft deutlich verjüngt. Leyla war gerade an der Bar, um sich einen alkoholfreien Cocktail zu besorgen, als sie die Präsenz eines anderen Vampirs spürte. Obwohl keine direkte Gefahr von ihm ausging, stellten sich ihre Nackenhaare auf. Sie hielt inne und tastete unwillkürlich nach ihrem Silberstilett.
Nur noch vereinzelt saßen beschwipste Damen an den Tischen und beobachteten mit wehmütigen Blicken die Jüngeren auf der Tanzfläche. Über die Lautsprecher ertönte eine Stimme und bat die Gäste zu einem besonderen Event in den angrenzenden Festsaal. Augenblicklich strömten die Leute unter erwartungsfrohem Gemurmel und dem leisen Klirren von Gläsern der angekündigten Überraschung entgegen. Rudger erschien neben ihr. An seinem Gesichtsausdruck erkannte sie, dass er dieselbe Ahnung hatte.
„Er befindet sich im Festsaal.“
„Kennst du ihn?“
„Sein Geruch ist mir unbekannt. Er muss hier neu sein. Wäre er schon länger in Krinfelde, würde ich ihn erkennen.“ Rudger runzelte nachdenklich die Stirn.
Normalerweise sprach es sich in Vampirkreisen herum, wenn ein Neuankömmling in der Stadt auftauchte. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Meistervampir unverzüglich darüber zu informieren war. Zum Schutz der Menschen als auch der Vampire.
„Dann sollten wir mal nachschauen“, sagte Leyla.
Gemeinsam betraten sie den Festsaal und blieben in der Nähe der Tür stehen. Die Dekoration im Saal war aufwendig. Der Schein von tausend Kerzen erhellte den Raum und glitzerte in den Silberfäden der schwarzen Wandbehänge. Durch die Eingangstür zog eine leichte Brise und bauschte die Wandbehänge auf. Ein dezenter Duft von Weihrauch lag in der Luft und schien von einzelnen Kerzen auszugehen. Die erhöhte Bühne am anderen Ende des Saals war vollständig mit roten Tüchern dekoriert. Eine fünfköpfige Gruppe hatte sich mit ihren Instrumenten formiert, und wartete regungslos auf ihren Einsatz. Leyla stützte sich mit einer Hand auf Rudgers Arm und stellte sich auf die Zehenspitzen, um einen besseren Blick auf die Bandmitglieder zu haben. Erst auf den zweiten Blick machte sie vier junge Frauen aus, die sich hinter dem Frontmann in Position gebracht hatten. Die bleichen Gesichter der Bandmitglieder hoben sich von ihren schwarzen Kleidern ab. Alle fünf hatten glattes, schwarzes Haar, das ihre auffallend schmalen Körper betonte, und ihnen eine einheitlich androgyne Erscheinung verlieh. Nur die kurzen Röcke und rot geschminkten Münder der Mädchen unterschieden sich von dem jungen Mann im Vordergrund. Da er als Einziger kein Instrument trug, handelte es sich vermutlich um den Sänger der Gruppe.
„Er ist der Vampir“, flüsterte Rudger und bestätigte Leylas Vermutung.
Es war nichts Ungewöhnliches daran, dass sich Vampire in den verschiedenen Branchen der Unterhaltungsindustrie bewegten. Waren sie vorsichtig genug, wurden sie von keinem Menschen als Vampire erkannt. So führten viele ein Dasein inmitten der menschlichen Welt und entfalteten sich vorzugsweise in künstlerischen Bereichen. Seit Jahrhunderten brachten die Vampire herausragende Musiker, Maler oder Schauspieler hervor, ohne von Menschen bemerkt zu werden.
Hinter ihnen wurde die Tür geschlossen. Leyla wandte sich um, und erblickte die Braut.
„Wegen der Akustik.“ Evelyn zwinkerte ihr mit einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck zu.
„Das ist ein ziemlich außergewöhnlicher Rahmen für eine Hochzeit“, bemerkte Leyla.
„Nicht wahr? Das war meine Idee. Ich habe mir die Dekoration ein bisschen vom Roten Palais abgeguckt“, sagte Evelyn mit einem entschuldigenden Lächeln zu Rudger.
Rudger hob eine Augenbraue und schmunzelte. Sein Genießerkino für Vampire ähnelte tatsächlich dem Ambiente des Saales.
Obwohl Evelyn einer konventionellen Familie entstammte, hatte sie nie ihren Hang zum Mystischen abgelegt. Ihrer eigenen Erfahrung mit Vampiren zum Trotz, und den damit verbundenen Tatsachen, die nicht mehr viel mit der Schwarzen Romantik gemein hatten, schienen daran nichts geändert zu haben. Leyla überkam erneut die Sorge, ob Vincents Einfluss auf ihre Freundin nicht doch Spuren hinterlassen hatte.
„Wartet erst mal ab, bis ihr den Sänger hört. Er ist fantastisch“, schwärmte Evelyn. „Erst hatte ich Bedenken wegen der älteren Gäste, aber die meisten sind inzwischen gegangen. Wie gut, dass Bragi nie vor Mitternacht auftritt.“
„Bragi?“ Leyla blickte zur Bühne und überlegte, wo sie den Namen schon einmal gehört hatte. „Rudger, woher kenne ich diesen Namen?“
„Es ist der altgermanische Gott der Dichtkunst und des Gesangs. Ein Sohn Odins aus dem Geschlecht der Asen. Die Menschen erkennen ihn allerdings erst seit dem 12. Jahrhundert als Gott an. Zumindest was ihre Sagen und Mythen betreffen.“ Eine kleine Falte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet, als er nachdenklich nickte.
„Ein bisschen anmaßend, seine Band nach einem Gott zu benennen.“
„Oh, das ist keine Band im eigentlichen Sinn. Die Mädels begleiten Bragi instrumental. Es sind immer andere. Das ist ja das Besondere daran“, ereiferte sich Evelyn.
„Demnach benennt er sich selbst nach einem Gott. Ziemlich selbstbewusst, der Junge“, sagte Leyla.
„Oder es handelt sich um Bragi persönlich.“
Sie starrte Rudger an. Er hatte nicht laut gesprochen, sondern seinen Gedanken direkt in ihr Bewusstsein gesetzt. Sie erwiderte seinen Blick mit der unausgesprochenen Bitte, ihr das später genauer zu erklären, und wandte sich wieder an Evelyn, die unbekümmert weiterplauderte.
„Bragi ist der Gewinner des jährlichen Newcomer-Wettbewerbs, den das Kulturamt veranstaltet. Der Bürgermeister hat meinen Vater gebeten, ihm auf unserer Hochzeit einen Auftritt zu verschaffen. Damit soll ein Zeichen gesetzt werden.“
„Ein Zeichen“, wiederholte Leyla zweifelnd.
„Man will sich eben liberal gegenüber den Vampiren zeigen. Außerdem ist das etwas düstere Erscheinungsbild im Moment Trend.“
„Otto-normal-Verbraucher trifft auf Gothic-Kultur?“
„Jetzt sei nicht so zynisch, Leyla. Hör ihn dir erst mal an. Wir sehen uns später, ich muss rüber zu Chris.“ Mit diesen Worten rauschte sie davon und schlängelte sich durch die eng stehenden Partygäste. Ihr Kleid leuchtete wie ein sich langsam entfernender Farbtupfer zwischen den schwarz livrierten Anzügen.
Auf der Bühne hielten die sechs Frauen fremdartige Tonwerkzeuge bereit, von denen Leyla kaum eines beim Namen nennen konnte. Gewöhnliche Instrumente warteten neben den Musikerinnen auf ihren Einsatz. Eine Frau bediente die Kurbel einer Drehleier und erzeugte einen lang anhaltenden Ton. Mit den Tasten des Instruments verkürzte sie den Ton im rhythmischen Takt. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen gaben sie eine Kostprobe ihrer Fähigkeiten, mit exotischen Instrumenten umzugehen. Fremdartige Klänge ertönten und wirkten gleichzeitig seltsam vertraut. Noch während die Musik nachzuhallen schien, wurden die Musikutensilien ausgetauscht. Sie hielten inne und blickten abwartend auf Bragi. Der hochgewachsene Mann war schätzungsweise Mitte zwanzig. Lange, schwarze Haarsträhnen fielen auf seine Schultern und ließen sein Gesicht schmaler wirken, als es vermutlich war. Seine Augen waren geschlossen. Die Violinen stimmten an, gefolgt von den tiefen Tönen eines Kontrabasses in Begleitung von Gitarren. Sobald das Schlagzeug einsetzte, schien sich die Luft aufzuladen. Gleichzeitig öffnete Bragi die Augen und zog augenblicklich das Publikum in seinen Bann. Er stimmte einen Grundton an. Es war der Gesang eines Engels.
Nicht jener glockenhelle Klang, der zu Tränen rührte, sondern ein profunder Bass, wie man ihn nur selten zu hören bekommt. Das tiefe Timbre seiner Stimme ging unter die Haut und berührte jeden Winkel im Innern der Zuhörer. Auf einmal erklangen von irgendwoher weitere helle Töne. Sie sammelten sich weit oben an der kuppelartig zulaufenden Decke und streuten ihre seltsam überirdischen Klänge wie aus anderen Sphären. Sie wirkten archaisch und folgten keiner erkennbaren Melodie, sondern standen einfach im Raum. Wie aus sich selbst heraus schienen sich die Klänge zu verändern und harmonisierten mit der stimmlichen Brillanz des Solisten. Die Darbietung endete abrupt und Stille legte sich über den Saal.
Kein Geräusch war zu hören, als hielte jeder Anwesende gebannt den Atem an. Leyla spürte Rudger hinter sich und lehnte sich gegen seine Brust. Die mentalen Fähigkeiten von Vampiren hatten keine Wirkung auf sie, doch die Musik hatte sie zutiefst berührt. Die Musikerinnen legten die fremdartigen Instrumente beiseite, und griffen zu ihren Gitarren. Im Hintergrund stand ein Mischpult. Bragi sang mit tiefer, intensiver Stimme zu klaren Melodiebögen, die auf den permanenten Einsatz ganzer Akkorde verzichteten. Zwischen den englischen Strophen erklangen immer wieder Worte in einer ihr unbekannten Sprache. Gothic-Rock erfüllte den Saal und begeisterte das Publikum mit einer sakralen Klangpoesie und lichtvoller Transparenz. Mehrere junge Frauen lösten sich aus der Menge und gingen zur Bühne. Mit sanft wiegenden Hüften näherte sich Bragi ihnen und griff mit einer geschmeidigen Bewegung in sein Haar, um es über eine Schulter zu legen, sodass es nur noch eine Hälfte seines Gesichts verbarg. Während er sich zu seinen Bewunderinnen hinab beugte, sah Leyla ein seltsames Mal an seinem dargebotenen Hals. Für einen Moment hielt sie es für eine Bisswunde, doch bei genauerer Betrachtung erkannte sie eine dreieckige Form.
Die Menge geriet in Bewegung, drückte sich immer näher an den Bühnenrand. Hände reckten sich ihm entgegen, strichen mit raschen Bewegungen über das dunkle Mal. Das Ganze glich einer bizarren Form der Huldigung, als wäre es ein besonderes Privileg ihn berühren zu dürfen. Einige Frauen streichelten seine Hand, mit der er sich am Boden abstützte, weil sie nicht nahe genug an seinen Hals kamen. Das erwartete Kreischen der Fans blieb aus, obwohl sie mit ihrem Idol auf Tuchfühlung waren. Stattdessen betrachteten sie ihn mit jener Achtsamkeit, welche an die Grundhaltung einer Meditation erinnerte. Die Musik schwang über die Köpfe des Publikums und erzeugte eine gleichermaßen harmonische wie wache Lebendigkeit.
Die Instrumente passten sich seiner Stimme an und erzeugten stellenweise einen so tiefen Bass, dass man ihn nicht mehr hören, aber fühlen konnte. Leylas Herz schlug im rhythmischen Einklang mit der perfekt aufeinander abgestimmten Darbietung. Sie griff hinter sich und hielt Rudgers Hand, denn auf einmal war der Meistervampir der einzig reale Bezugspunkt in diesem Saal.
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