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ARS AMORIS 3Karl-Georg Müller |
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ISBN: 978-3-940235-80-0 Erschienen: Nov. 09 Preis: 14,90 Euro Broschiert, 196 Seiten |
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Klappentext
Morna LeFay steht mit der mythischen Anderswelt in Verbindung, doch ihre magischen Fähigkeiten locken die Mächte aus dem Land Mercia an. Sie wird verschleppt und in die Dienste von Cwen Godiva gezwungen, an deren Hofe sie ihre Ausbildung erhält. Bald strömen unter Schmerz und Pein die „Schwarzen Schmetterlingen“ aus ihr, der Jungbrunnen für die Adligen. Aber längst schleichen dunkle Schatten durch das Schloss. Und Morna hofft, zwischen Ränkespiel und Intrigen ihre große Liebe gefunden zu haben.
Leseprobe
Morna ging hinter Syre Nygel zu der holprigen Planke, die von einem Seemann aufs Kai gelegt worden war. Die Seeleute gafften sie an. Aus ihren Blicken las sie Bewunderung und Neid, Hunger nach etwas, was sie ihnen hätte geben können, wenn sie nicht unter der Obhut von Syre Nygel gestanden hätte. Er griff ihre rechte Hand und führte sie über die Planke zu einer Kutsche. Diese sah anders aus als die Fuhrwerke, die sie aus ihrer Heimat kannte. Sie wurde von zwei schnaubenden Pferden gezogen. »Steig ein, Morna, wir gehen nicht zu Fuß, und reiten wirst du auch nicht müssen. Jedenfalls fürs Erste nicht.« Sein Lächeln blieb ihr nicht verborgen. »Das ist ein Carrick. Du wirst darin neben mir sitzen, wie eine echte Lady.« Er half ihr hinauf. Die Polster waren aus feinem rotem Leder und standen im scharfen Gegensatz zu ihrem Bettlager auf dem Schiff. Sie streckte ihre Füße aus, womit sie sich gleich einen tadelnden Blick von Syre Nygel einhandelte. »Die Beine stellst du eng aneinander, Morna, die Füße berühren sich nur leicht. Platzier die Hände auf deinen Oberschenkeln, aber so, dass sich deine Daumen berühren. Deine Augen schauen dabei geradeaus und keinesfalls zur Straße hin.« Sein Ton wurde hart. »Du wirst dich nicht ablenken lassen. Lerne das als Erstes.« Morna schnappte nach Luft, was ihr wegen des Korsetts unzulänglich gelang. Sie setzte sich wie befohlen hin. Die nackten Füße tippten leicht gegeneinander, den Mantel legte sie über die Beine. Syre Nygel fasste hin. »Die Beine bleiben frei, Morna.« Sie gehorchte. Dann ging es los. Der Kutscher trieb die Pferde mit der Peitsche zur Eile an. Morna starrte angestrengt geradeaus, denn sie spürte den Blick von Syre Nygel auf ihr. Trotzdem wanderten ihre Augen von links nach rechts, weil ihre Neugierde ins Grenzenlose wuchs. Gleich am Hafen baute sich ein Markt auf, an dessen bunt dekorierten Ständen die Kutsche entlangholperte. Aus den Augenwinkeln sah Morna die grenzenlose Geschäftigkeit, mit der die Städter ihrer Arbeit nachgingen. Wie eine Welle wogten die Menschen durch die Reihen der eng gestellten Marktbuden, drückten sich hin und her, ereiferten sich dabei, wenn die Äpfel aus einem umgeworfenen Korb zu Boden kullerten und unter den Füßen zermatscht wurden. Eine Frau in einem schäbigen grauen Wollkleid – es erinnerte Morna an die einfache Kleidung, die ihre Mutter trug – zerrte ihr Kind hinter sich her, geradewegs vor die Kutsche. Sie passten nicht in das farbenfrohe Bild der Stadt, beide strotzten vor grauem klebrigem Dreck, das Kind sah ausgemergelt und erschöpft aus. Obwohl der Kutscher sie sehen musste, hielt er die Pferde nicht zurück. Morna presste fast die Hände vor ihre Augen, weil sie das Schlimmste befürchtete. Das Kind stolperte, doch die Mutter raffte es im letzten Moment vor den Hufen weg. Es setzte eine Ohrfeige. Syre Nygel blieb ungeachtet Mornas verbotener Neugierde stumm, zudem wurde er abgelenkt. Er musste einen Händler mit dem Fuß zur Seite befördern, der eine Weile neben der Kutsche herlief und versuchte, einen Tonkrug mit einem delikaten Branntwein – so pries er ihn an – loszuwerden. Der Mann kullerte in den Schmutz, war aber schnell wieder auf den Beinen und warf den zerbrochenen Krug samt einem »Der Teufel soll dir den Arsch aufreißen!« der Kutsche hinterher. Bald ruckte die Kutsche scharf zur Seite und schwenkte in eine Gasse ein. Der Weg stieg gemächlich an, und sie gelangten zu einem von blühenden Sträuchern durchbrochenen Platz. Der Kutscher beschleunigte das Gespann. Die Mitte des Platzes nahm ein Brunnen aus eisgrauem Stein ein, den die Kutsche in flottem Tempo umkurvte. Danach bogen sie in die nächste Straße ein. Diesen Weg säumten keine Häuser, denn er grenzte zu beiden Seiten an weite Rasenflächen. Nun konnte der Blick unbegrenzt bis zum Schloss wandern. Das Grau der Mauern, die dessen Gelände von der Stadt abgrenzten, löste sich sanft in grünem Geranke auf. Saftige Rosentriebe zeichneten verwirrende Muster auf den Untergrund. Zu jeder Seite des Eingangsportals durchbrachen weitere Türme, rund und mit Zinnen bewehrt, die Mauern, bis sie irgendwo in kaum erkennbarer Ferne endeten. Die Straße war so breit, dass ein entgegenkommendes Gespann mühelos an ihnen vorbeipreschen konnte. Selbst das Fußvolk, das beladen zum Schloss strebte und mit leeren Händen zurück in die Stadt eilte, musste trotz der rasenden Kutsche nicht zur Seite springen. Die Torflügel standen weit offen, so als ob sich niemand ins Schloss wagen könnte, der nicht auch dorthin gehörte. Sie kamen also ohne Kontrolle hinein. »Das ist Tomen y Mur, das Schloss von Cwen Godiva«, sagte Syre Nygel. Er beugte sich zu Morna hinüber, sodass sie seinen rauchigen Atem fast schmecken konnte. Die Männer und Frauen, die vor den Hufen auf die Seite sprangen, nahm sie nicht richtig wahr. Sie war fasziniert und hingerissen, ihr Herz klopfte im Takt der Hufschläge, schnell, hart, laut. Die Pferde stampften genau auf die Eingangspforte zum Schloss zu, die gewaltiger war als das größte Haus in Mornas Dorf. Zwei Torflügel spannten sich dazwischen, so riesig wie die Segel der Prydwen. Darüber schälten sich zwei Wachtürme heraus. Morna kniff die Augen zusammen, denn genau über dem Tor behinderte ein Dunstschleier die freie Sicht. Die Türme besaßen Hauben aus rotem Stein, der sich von dem hellgrauen Gemäuer abhob, das die Zinnen und Giebel ausmachte. Von der Pforte dehnte sich – und je näher sie kamen, umso mehr mussten ihre Augen zu beiden Seiten wandern – die hohe Schlossmauer aus. Die wiederum wurde abgelöst von einer zweiten Mauer und einer Dritten, die sich hintereinander in den Hügel schoben. Sobald sie das Tor passiert hatten, befreite sie Syre Nygel von ihrem Halskorsett. Erst atmete Morna auf, doch dann meinte sie, dass ihr irgendetwas fehlte. Sie lenkte sich ab, indem sie den Mund öffnete und schloss, um ihn wieder geschmeidig zu machen. »Nun darfst du schauen, wohin du möchtest«, befreite Syre Nygel sie von der Vorgabe, ihren Blick ausschließlich geradeaus zu richten. Doch Morna bewegte sich nicht, sondern blieb steif wie eine Holzfigur sitzen. Ihre Augen nahmen ohnehin seit der Ankunft alles auf, was es zu sehen gab, und das war so undenklich viel. »Siehst du die sieben Türme in der Ferne?« Syre Nygels Stimme durchschnitt Mornas andächtiges Staunen. Ja, weit weg kletterten die besagten Bauten empor. Sechs kleine, die aber den Eindruck erweckten, als ob sie die Dimensionen eines großen Hauses besäßen, umrahmten einen großen Turm, der wie ein Schwert nach oben strebte. Er würde die Wolken berühren, sollten sie allzu tief dahinfliegen. »Das sind die Türme der sieben Dornen. Den Turm der Herrin der Dornen siehst du in der Mitte, die anderen fünf Dornentürme umrahmen ihn. Der siebte Dorn, mein Kleines, ging unter, als der Nebel ihn verschluckte. Es ist noch keine Dekade her, da dies geschah, und doch ist der Turm seither verwaist und unbewohnt. Er verfällt. In den Übrigen leben die Oberhäupter der Dornen, wenn sie am Hofe weilen, oder deren engste Vertraute. Die Cwen jedoch lebt immer in ihrem Dornenturm. Sie verlässt ihn nur, wenn die Geschäfte es erfordern.« Er warf Morna einen langen Blick zu, bevor er ihr mit der Hand über die Wange strich. »Sie verlässt ihn aber auch, wenn sie eine Scota besonders reizvoll findet. Dann sieht man sie sogar mit der Scota zusammen in einem ihrer erstaunlich vielen Gärten.« Grauweißer Kies löste den festen Pflasterstein ab. Er spritzte unter den Pferdehufen heraus und schlug gegen das Holz der Kutsche. »Alles, was du hier siehst, meine Kleine, wird von den Sklaven und Sklavinnen, die wir Gops nennen, gepflegt und gesäubert, damit es rein ist, als sei es keiner Witterung und keiner Verschmutzung ausgesetzt.« Morna blinzelte. Es sah wirklich wie frisch geputzt aus, alles glänzte in irritierend bunten Farben. Der erdige Dreck, den sie von den Wegen daheim kannte, die vom Schneematsch triefenden Mauersimse, die schwarzen Kamine, die ihren Torfruß an die Häuserwände verteilten – auf Tomen y Mur schien es keinen Dreck und keinen Unrat zu geben. Und selbst die Natur vergaß die letzten Phasen des Daseins, das Altern und Sterben. Die Bäume trugen keine verwelkten Blätter, die Blumen keine verdorrten Blüten, selbst das Gras war nirgendwo von der Sonne gebleicht oder vertrocknet. Dafür strebten unzählige Sklaven und einige wenige Sklavinnen emsig wie Ameisen hin und her, bückten sich und rissen dort etwas aus dem Grün, schnitten hier mit einem Messer Blüten ab, die noch im Saft standen und doch ein erstes Zeichen des Vertrocknens zeigten. Der Kutscher gab den Pferden wieder die Peitsche, und sie jagten auf das zweite Tor zu. Erneut stand ihnen der Weg offen, und sie preschten hindurch. Dahinter setzte sich der Kiesweg fort, nun aber war er feiner und von einem helleren Weiß als zuvor. Am Wegesrand beobachtete Morna dieselbe Emsigkeit, bloß dass die Sklaven in diesem näher am Schloss befindlichen Bereich einem anderen Kleidungsstil folgten. Hatten die Sklaven im ersten Segment noch ihre Hosen und ihre Röcke züchtig bis zu den Füßen getragen, sahen sie jetzt auf eigentümliche Weise sogar frivol aus. Die Männer trugen kurze Hosen, was ihnen selbst in diesen frühen Tagen des Jahres schon zu einer Bräune verhalf, die Morna sonst nur von Bauern kannte. Die Vorderseite der kurzen Hosen war durch einen besonderen Schnitt betont, wodurch die Ausbuchtungen deutlicher als beim üblichen Beinkleid ins Auge stachen. Und hinten waren sie weit offen, weswegen die Pobacken jedem Blick zugänglich waren. Morna schluckte. Die Frauen, von denen deutlich mehr als Männer mit dem Jäten und Zupfen von Unkraut beschäftigt waren, trugen kurze Röcke, die bei jedem Bücken ihren Hintern enthüllten. Darunter trugen auch sie nichts, sodass Morna die dunklen Kerben zwischen ihren festen Pobacken begutachten konnte. Sie spürte Syre Nygels Blick auf sich ruhen und sein Lächeln. Sie errötete, doch sie riss sich nicht vom Anblick der geschäftigen Sklaven los. Syre Nygel setzte sich näher zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr. »Wir sind gleich an dem Ort, wo du von heute an leben wirst.« Dann griff er ihr zwischen die Schenkel, drückte sie energisch auseinander und schob seine Finger an ihre Scham. Sie schrie spitz auf, doch hatte Syre Nygel längst sein Ziel erreicht. Sein harter Finger bohrte sich zwischen ihre Lippen und wühlte sich tiefer hinein. Sie biss sich sogleich vor Wut und Scham auf die Zunge. Als habe er ein Einsehen, löste er die Finger nach einem kurzen Tasten aus ihr. »Dir gefällt, was du siehst«, sagte er heiser. Diesmal verkniff sie sich eine Antwort. Vor dem dritten Tor kam die Kutsche zum Stehen. Es war verschlossen, schwere Eisenriegel sicherten die Pforte. Zwei in grüne und blaue Hosen und Jacken gekleidete Wächter öffneten auf einen Wink von Syre Nygel die schweren Eichentore. Der Einlass war nicht viel breiter als die Kutsche, sodass Morna erst nach Passieren des Durchbruchs den letzten Teil der Vorgärten sehen konnte. Und mit einem Mal wusste sie, an welchen wundersamen Ort sie gelangt war, den selbst ihre kühnsten Vorstellungen nicht herbeiträumen konnten. Sogar die farbenfrohe Anderswelt – oder das, was sie bislang von ihr gesehen hatte – verblasste gegen den Letzten der Gärten. Ihr Kopf bewegte sich von einer Seite zur anderen und sogleich wieder zurück. Könnte sie doch überall gleichzeitig hinschauen. Natürlich war es nur ein Garten, und trotzdem war es so viel mehr. Wenn sie glaubte, alle vorstellbaren Grüntöne jemals in Temair gesehen zu haben, dann wurde sie hier eines Besseren belehrt. Jede erdenkliche Farbe tanzte im Schein der Sonne auf den Blättern und Nadeln der Bäume. Sanfte braune Töne mischten sich mit der großen Palette an roten Nuancen. Hierbei bezog sie nicht einmal die Blumen in den Pflanzenreigen mit ein, dessen Farbenspiel sie nicht in Worte fassen konnte. Und alles war akkurat hergerichtet. Morna gefiel diese Ordnung. Syre Nygel quittierte ihre Aufregung mit einem Lächeln. »Cwen Godiva überlässt nichts dem Zufall, Morna. Die Sklaven setzen die Pflanzen nach strengen, von den Gelehrten der Cwen berechneten Mustern. Wenn du weit oben von den Dornentürmen hinabschaust, wirst du es erkennen. Es spiegelt den Lauf der Welt wieder, das Werden und das Sein.« Wie weit sich der Garten ausdehnte, konnte sie trotz des gemächlichen Schrittes der Pferde, den sie nach Passieren des letzten Tors aufgenommen hatten, nicht bestimmen. Etwas fiel ihr besonders auf. Sie hätte gerne gefragt, was mit den Pflanzen geschieht, die eingehen und absterben, doch sie wagte es nicht. Zu viele Bäume, Büsche und Sträucher drängten sich aneinander, weswegen die Sicht nur hier und dort, erleichtert durch schmale Rasen- oder Steinpfade, tiefer in das grüne Dickicht reichte. Bald schälte sich in der Ferne, wo sich der Weg nicht zu sehr durch das dichter werdende Grün schlängelte, ein Brunnen heraus oder das Glitzern von Wasser, vermutlich ein Teich. Über all dem rankten Kletterpflanzen in saftigem Grün und dunklem Braun, schimmernd wie Smaragd oder matt wie Torf. Das leise Wispern der Blätter, die von einem unsichtbaren Lüftchen hin- und hergeweht wurden, übertönten zirpende und zwitschernde Töne. Waren die Pflanzen schon bunt gewesen, so sprühten die Vögel vor Farbennarrheit. Nur die Schmetterlinge übertrafen sie noch. Einer von ihnen setzte sich keck auf Mornas Hand, faltete seine Flügel wie einen Fächer zusammen und streckte seine Fühler aus, um ihre Haut leicht zu tupfen. Er war weiß wie der Schnee, nur seine Facettenaugen störten mit ihrem Schwarz die vollkommene Reinheit. Morna berührte ihn mit einem Finger, und er flog davon. Syre Nygel stieß sie sachte an und deutete auf etwas, was sich tiefer im Garten ereignete. Sie kniff die Augen zusammen und entdeckte es. Eine Frau, um einige Jahre älter als sie, kniete auf dem Kiespfad und hielt ihr Haupt gesenkt. Ein Kranz aus roten Blumen schmückte ihre Haare, die wie feurigen Strahlen ihren Rücken hinabrannen und sich auf dem Boden auffächerten. Ihr Rücken war unbedeckt, und nur ihre Haare streuten darüber. Ein Herr stand hochaufgerichtet an ihrer Seite, seine Pluderhose rot wie ihr Haar, das Hemd dagegen weiß und feucht. Er schwitzte, was nicht verwunderlich war, weil er mit aller Wucht den einzelnen Striemen einer Peitsche auf sie niedersausen ließ. Noch als sich die Kutsche ruhig fortbewegte, schaute die Frau kurz auf. Morna las für einen Wimpernschlag in ihren Augen. Das genügte ihr, um die tiefe Lust zu spüren, die mit dem Schlag durch ihren Körper pulsiert war. »Morgen wirst du Kayla kennen lernen. Sie ist seit wenigen Wochen im Schloss und war in der Obhut von Syre Stevin. Kayla ist eine Novizin wie du, meine Kleine. Seit vergangener Woche gehört sie nach einem erfreulichen Tauschgeschäft zu unserem Dorn Grafton. Auch ihr fielen die ersten Tage in ihrer neuen Welt sehr schwer. Doch die meisten der Syres sind geschickt darin, jede Frau zu einer perfekten Scota zu formen. Wobei ...« Syre Nygel überlegte einen Moment, dann fuhr er fort: »Dich wird jemand Besonderes ausbilden, denn mit dir haben wir andere Pläne.« Er strich sich über das Kinn und versank wieder in Schweigen. Morna warf ihm einen ängstlichen Blick zu. »Ihr meint, ich werde nicht bei Euch bleiben? Aber ich dachte, Ihr hättet mich hierher gebracht, weil ich Euch gefalle und weil Ihr mich beschützen wollt. Habe ich denn etwas falsch gemacht, Syre Nygel, seid Ihr nicht zufrieden mit mir?« Ihr wurde schwer ums Herz, weil sie in dieser neuen Welt in andere, für sie noch fremdere Hände weitergereicht werden wollte. Während sie endlos viele Pfade passierten, die in die angrenzenden Haine führten, schaute Nygel sie aufmerksam an. »Ich kann nicht, Morna, so gern ich selbst die Ausbildung übernehmen würde. In dir schlummern Fähigkeiten, die ich selten in einer solchen Intensität gespürt habe.« Er streichelte ihr Gesicht. Sie erschauerte und wäre am liebsten davongerannt. »Ich werde dafür Sorge tragen, dass du in gute Hände gelangst. Das wird rasch geschehen, damit du vor dem Fest der Rosen hinreichend ausgebildet bist, um als neue Blüte des Dorns daran teilnehmen zu können. Die Ausbildung ist hart und qualvoll, und du wirst Dinge lernen, die du verabscheuen wirst und welche dir unwirklich erscheinen. Und doch wirst du es eines Tages lieben und nicht mehr missen wollen. Es liegt an dir, dass diese Zeit nicht über Gebühr lange dauert. Strenge dich an, und deine Mühen werden in einem hohen Maße belohnt.« Seine Augen glühten, als er weitersprach. »Du weißt sicher, welche Zauberkräfte in dir ruhen.« Er sah sie fragend an. Morna riss die Augen auf. Sollte Syre Nygel etwa wissen, dass sie in die Anderswelt reisen konnte und dort ihre Freunde besuchte. War sie ein offenes Buch für ihn, in dem er lesen konnte wie ihre Mutter, wenn sie spät abends eine Geschichte vortrug. Syre Nygels Worte beruhigten sie, denn er schien ihren verstörten Augenaufschlag fehlzudeuten. »Soso, du weißt also von den Schwarzen Schmetterlingen und ihrer Kraft, die sie freisetzen, sobald man sie hervorlockt. Bei dir ist die Kraft unglaublich ausgeprägt. Du strömst schier über vor Energie, die in deinem Körper schläft und die ihre Erweckung herbeisehnt.« Jetzt stockte er. »Die Schwarzen Schmetterlinge sind in dir wirklich noch nie geweckt worden?« Morna schüttelte heftig den Kopf. Syre Nygel war nun seinerseits beruhigt. Während die Kutsche einen kargen Vorplatz ansteuerte, dozierte er weiter: »Die Schwarzen Schmetterlinge sind sehr zart und leicht zu zerstören. Deshalb ist eine besonders feinfühlige Hand erforderlich, die es mit Geschick und Einfühlungsvermögen versteht, die in dir wohnende Kraft zu entfalten. Wie dies geschieht, das wirst du bald am eigenen Leib erfahren.« Und wieder lag ihr eine Frage auf der Zunge. Was hatte es mit den Schwarzen Schmetterlingen auf sich, von denen er da erzählte? Sie schluckte auch das hinunter, weil sie befürchtete, er könne sie wegen ihrer Unwissenheit auslachen. Der Kutscher bremste das Gefährt vor den Treppenstufen zu einem der Dornentürme an. Nun sprang Syre Nygel von der Kutsche herab und reichte Morna seine Hand. Sie zögerte und warf einen nachdenklichen Blick zu dem Gemäuer. Was mochte sie darin erwarten? Sie spähte den Pfad zurück, den sie gekommen waren, doch für eine Flucht war es zu spät. Sie ergriff also die dargebotene Hand und stieg zögernd hinab. Der Kies knirschte unter ihren nackten Füßen. Vor ihnen erhob sich einer der Dornentürme, wobei sie nicht sagen konnte, um welchen der sieben es sich handelte. Selbst als sie ihren Kopf in den Nacken legte, konnte sie die Spitze des Turms nicht sehen. Dafür fielen ihr die kleinen Fenster auf, die in die Rundung des Gemäuers eingelassen waren, und die Kamine und Ausbuchtungen. Syre Nygel deutete nach oben. »Dort ist dein Gemach, Morna.« Sie zählte die Fensterreihen ab, er deutete zum vierten Stockwerk. Wieder staunte sie, denn von daheim kannte sie niedrig geschossige Gebäude, aber wenige mit zwei, niemals aber mit mehr Stockwerken. »Du wirst im Dornenrund bei den anderen Novizinnen und den ausgebildeten Scota wohnen. Die meiste Zeit, besonders in den nächsten Tagen, wirst du dein Zimmer nur zu den Ruhezeiten aufsuchen. Doch folge mir nun, die Nacht eilt auf flinken Füßen herbei.« Syre Nygel ging vor. Sie passierten ein letztes Tor, das nicht die Ausmaße wie die vorherigen hatte, dafür mit zahlreichen Ornamenten ausgeschmückt war. Morna warf nur einen flüchtigen Blick darauf. Der genügte, um ihr einen eisigen Schauer über den Rücken zu jagen, denn finstere Fratzengesichter mit Hörnern und Schwänzen erinnerten sie an ihre schlimmsten Albträume. Sie betraten den Palas. Kerzenschein erleuchtete das hohe Gemäuer. Der Rest des Tageslichts fiel mühsam durch die Fenster, deren Glas es in tausend winzige Funken zerstäubte. Drinnen war es kühl. Das Ausmaß des großen Raumes erstaunte sie nicht mehr nach allem, was sie seit ihrer Ankunft gesehen hatte. Ein kunstvoll arrangierter Tisch, der einer Rosenblüte ähnelte, dominierte das Palas. Er war frisch eingedeckt, als ob eine Gesellschaft zu Tisch gebeten würde. Links und rechts vom Eingang führten Türen in angrenzende Zimmer, im Hintergrund schraubten sich zwei offene Treppen zu einer Balustrade in die Höhe. Der Marmor glänzte selbst im Kerzenlicht; ein Hinweis darauf, wie reinlich und penibel auch im Dornenturm gearbeitet wurde. Der aromatische Duft nach Früchten überraschte sie, denn im Kamin lagerte ein großer Stapel Feuerholz, den man jedoch noch nicht entzündet hatte. »Willkommen im Dorn Grafton.« Syre Nygel schwenkte einladend den Arm. »Dies ist von heute an dein Zuhause, Morna.« Danach hämmerte er dreimal mit seinem Gehstock auf den Steinboden. Der Eisenbesatz hallte hell durch den Raum. Im Nu tauchten zwei Sklavinnen auf, die offensichtlich hinter einer Tür auf das Zeichen gewartet hatten. Wären ihre Haare nicht gegensätzlich gewesen, hätten sie Schwestern sein können, so sehr glichen ihre Gesichter einander. Die der einen glänzten schwarz wie eine sternenlose Nacht, die der anderen schimmerten fast weiß. Sie verneigten sich vor Syre Nygel und ignorierten Morna, als ob sie unsichtbar wäre. Syre Nygel erläuterte ihnen in geschraubten Sätzen, was mit Morna zu geschehen habe. Erst darauf lenkten sie die Blicke auf das Mädchen, das der Prozedur in stiller Andacht beigewohnt hatte. Es überraschte Morna nicht, mit welcher Akribie Syre Nygel seine Anweisungen erteilte und wie er sie nur mit einem Kopfnicken an die beiden Sklavinnen übergab. Wortlos eilten sie eine Rundtreppe hoch, die sich im hinteren Abschnitt des Palas’ nach oben schlängelte. Morna trippelte schnell hinterher. Die beiden Frauen trugen lange karmesinrote Seidenkleider, die ihre schmalen Silhouetten hinabflossen und mit einem ausgesparten Rosenornament über dem Gesäß verblüfften. Der mit dunklen Adern durchzogene Marmorboden der Treppe setzte sich auf jeder einzelnen Stufe fort. Sogar das symmetrische Muster der Maserung fand seinen Widerhall auf der jeweils folgenden Treppenstufe. Es dauerte eine geraume Weile, bis sie endlich, unterbrochen von zwei Abzweigen, das vierte Stockwerk erreichten. Der Flur war breit genug, dass drei Menschen mühelos nebeneinander gehen konnten, ohne dass sie sich berührten. Öllampen spendeten weiches Licht; sie hingen an eisernen Haken an den Wänden. Weil die Decke sehr hoch war, konnte Morna die Malereien im Halbdunkel nur schattenhaft erkennen. Sie würde dies alles bei nächster Gelegenheit genauer betrachten. Jetzt musste sie den beiden Sklavinnen hinterherlaufen, weil sie keine Rücksicht auf ihre Neugierde nahmen. Ihre nackten Füße klatschten auf den kalten Marmor. Bald verließen sie den Flur nach rechts und liefen an unzähligen Türen entlang, bis sie am Ende eines schummrigen Flurs ankamen. Dort wandten sie sich in einen Flur, der nach unzähligen Schritten endete. Vor der letzten Tür blieben die beiden Mädchen stehen. Die Jüngere entriegelte das schwere Schloss, und die Tür schwang nach innen auf. Morna blickte zum ersten Mal in das Zimmer, das von heute an ihr neues Zuhause sein sollte. Endlich sprach eine der beiden Sklavinnen. Ihre Stimme war so leise, dass Morna Mühe hatte, jedes Wort zu verstehen. »Dort auf dem Tischchen steht dein Abendmahl. Der Wasserkrug daneben enthält frisches Nass aus dem Kellerbrunnen. Eine Waschschüssel steht auf der Anrichte beim Fenster, den Nachttopf darunter musst du stets selbst entleeren. Merk dir gleich, dass Reinlichkeit ein hohes Gebot in diesem Dorn ist.« Sie warf der zweiten Sklavin einen geheimnisvollen Blick zu. »Wasch dich lieber zu oft als zu selten. Damit die Ausbildung am morgigen Tag beginnen kann, liegen deine Kleider in der Wäschetruhe bereit. Was du künftig an Kleidung tragen wirst, ordnen die Syres und Ladys für jede Scota speziell an.« Während die andere Sklavin die kleinen Fenster mit dicken Vorhängen verdeckte, wandte sich die eine der Türe zu. »Leg dich zeitig hin, denn dein erster Ausbildungstag wird anstrengend.« Dann waren die beiden draußen. Morna hörte, wie der schwere Riegel vorgelegt und der Schlüssel zweimal herumgedreht wurde. Die Sklavinnen hatten sie eingeschlossen. Sie war gefangen, aber viel zu erschöpft, um lange über ihre Lage nachzudenken. Wie im Traum streifte sie das Kleid ab. Dann frischte sie ihr Gesicht mit ein paar Sprenkeln Wasser auf. Nachdem sie hastig ein Stück Brot heruntergeschlungen und einige Schlucke Wasser getrunken hatte, löschte sie die Kerzen, die auf dem Tischchen und der Anrichte standen und ein kümmerliches Licht spendeten. Danach schlug sie das Bett auf – ein Federbett! So oft hatte sie schon davon geträumt, in weichen Daunen wie eine edle Dame zu schlafen und sich wie auf einer Wolke in den Traum zu wiegen. Nun schlüpfte sie unter eine federleichte Decke, keine raue Wolldecke wie sonst. Die Unterlage drückte zwar hart in den Rücken, war aber nicht unbequem. Morna rollte sich wie ein Kätzchen zusammen und zog sich die Decke bis zum Hals. Sie war erschöpft, sodass sie nur einen Augenblick lang an daheim dachte. Dann übermannte sie der Schlaf. Sobald sie ihre Augen geschlossen hatte, schnappte der Mechanismus über dem Guckloch zu, das in Kopfhöhe in die bemalte Wand eingefügt war.
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