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Edgar Wallach - Der Lümmel mit der Tüte






 

Didi Costaire



ISBN: 978-3-940235-74-9

Erschienen: Jan. 07

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 180 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Frauenherzen pflastern Inspector Horns Pfade, Leichen und Lümmeltüten Londons Straßen - und den Männern von Scottland Yard wird bombenklar: Hier treibt der gefährlichste Lümmel aller Zeiten sein Unwesen und seine Tüten dienen nicht der Sicherheit ...
Edgar Wallace Persiflage.

 

Leseprobe

 

I. Inspector Horns Sternstunde


Die Regentin war very amused. Natürlich hatte sie schon immer fest daran geglaubt, dass ihr Volk sie liebte, und nur sie. Und die hohe Dame liebte ihr Volk. Wie oft schon waren ihr Tränen der Rührung gekommen, wenn ihre Untertanen zu Zehntausenden winkten, Fahnen schwenkten und voller Inbrunst die britische Hymne intonierten.

An diesem Nachmittag wurden keine Lieder gesungen, und das, was eifrig geschwenkt wurde, war keine Flagge. Auch die Tropfen, die in großen Mengen flossen, kamen nicht aus den Augenwinkeln der ehrenwerten Dame. Es waren nicht Zehntausende, die der obersten Repräsentantin des Landes ihre Ehrerbietung entgegenbrachten, nicht Tausende, nein, nicht einmal Hunderte. Genau genommen war es ein Mann, der vor ihr kniete, oder exakt gesagt, eigentlich mehr auf ihr.

Der Typ war frisch gebackener Earl of London. Vor sieben Stunden hatte ihn die Lady dazu ernannt, seitdem bedankte er sich bei ihr auf seine ganz spezielle Weise.

Inspector Horn arbeitete seit acht Jahren bei Scotland Yard. Von seiner Dienstwaffe hatte er in dieser langen Zeit noch nie Gebrauch gemacht. Er hatte sie, bei Lichte betrachtet, seit einigen Monaten nicht mehr gesehen.

Er kämpfte lieber mit den Waffen eines Mannes, also hauptsächlich mit seiner Lanze. Die hatte er Tausende Male eingesetzt, auf vielen hundert Schlachtfeldern.

„Horny, komm!“ Sie war fordernd und verlangend, wie es sich für eine Regentin gehörte, wusste allerdings nichts von den ganzen Krankenschwestern, Kindermädchen, Verkäuferinnen, Friseusen und Striptease-Tänzerinnen, die dem Inspector Tag für Tag exakt dieselben Worte ins Ohr hauchten.

Horn jedenfalls hatte allen anfänglichen Respekt vor seinem Gegenüber, beziehungsweise seiner Untendrunter, abgelegt, und nahm die hohe Dame ran, als wäre sie eine seiner Kellnerinnen oder Büromiezen. Ihren Geschmack hatte er damit voll getroffen.

Sie lächelte, wie es zuvor nur Mona Lisa konnte. Die Welt der Sechziger Jahre war ansonsten so grau, die Konventionen so starr. Inspector Horn brachte Licht in ihr Leben und Gefühle, von denen sie vorher nicht geahnt hätte, dass sie überhaupt existierten.


Henry mit der Maske hatte zur selben Zeit ebenfalls starke Gefühlswallungen. Zusammen mit etwa zwanzig anderen Sträflingen saß er im gemeinsamen Fernsehraum.

Die Tatsache, dass der Blick in die Röhre am heutigen Abend von der Anstaltsleitung angeordnet worden war, ließ schon ahnen, dass weder attraktive Mädels über die Mattscheibe flanieren würden, noch knallharte Action-Helden für Spannung sorgen sollten. Stattdessen gab es einen Beitrag aus dem Buckligen Palast.

Was die Ganoven um ihn herum größtenteils zum Einschlafen brachte, trieb Henry mit der Maske den Schweiß auf die Stirn. Schon im Vorspann sah er Inspector Horn, diesen Mann, der ihn, einen völlig unbescholtenen Bürger, der niemals auch nur an eine Straftat gedacht hätte, vor zwei Jahren hinter Gitter brachte. Der Reporter kündigte an, dass Inspector Horn heute für seine großartigen kriminalistischen Leistungen geadelt wurde.

Henry mit der Maske rieb sich die Augen. Inspector Horn hatte ihn damals tagelang gejagt, in dem Glauben, einen gefährlichen Rauschgiftschmuggler in seinen Fängen zu haben. Ursache für seine Vermutungen waren schlampige bis gar keine Recherchen, Spuren, die vergessen wurden zu sichern und Befragungen weiblicher Zeugen, von denen kein einziges Protokoll existierte. Der wahre Grund aber, so glaubte Henry mit der Maske, war die Eifersucht auf einen Mann, der besser aussah als der Inspector selbst.

Als sich der Kommissar auch noch an seine Frau, seine Tochter und schließlich sogar an seine Mutter heranmachte, wurde es Henry mit der Maske schließlich zu bunt und er forderte Horn auf, Mann gegen Mann zu kämpfen. Dieser ließ sich darauf ein, und man vereinbarte einen Boxkampf über zehn Runden. Sollte Inspector Horn gewinnen, dürfte er Henry mit der Maske für die ihm vorgeworfenen Verbrechen einbuchten, wenn nicht, würde er ihn und seine Familie auf ewig in Ruhe lassen. Unter normalen Umständen hätte nur letzteres als Ergebnis eintreten können.

Dass es nicht so kam, zeigte der kurze Filmbeitrag der BBC mit dem Titel ‚Die Glanztaten des Inspector Horn alias The First Earl of London.’ Henry mit der Maske sah geschickt geschnittene Szenen des Kampfes. Die längste Zeit wurde Horn vor dem Fight gezeigt, mit strahlendem Lächeln und große Sprüche klopfend. Von der ersten Runde sah man nur den Startgong. Wie Horn einen Schlag nach dem anderen einstecken musste und schließlich zu Boden ging, wurde verschwiegen. Der Punch aus der zweiten Runde auf das Kinn des Inspectors, durch den Henry mit der Maske seinen Widersacher in den siebten Boxerhimmel schickte, wurde aus der Perspektive einer Kamera mitten im Publikum gezeigt. Es war rein gar nichts zu sehen. Kein Wunder, denn danach wurde Henry mit der Maske nicht als Sieger gekürt, sondern wegen eines angeblichen Tiefschlages verwarnt, von dem der Reporter der BBC wortreich berichtete. Ein Witz, wenn auch ein ganz schlechter, wie Henry mit der Maske wusste.

Aber die Schiebung nahm im weiteren Verlauf des Kampfes noch weitaus schlimmere Ausmaße an. Nach dem Pausentee vor der dritten Runde ging es Henry mit der Maske schlagartig schlecht. Er bekam Schweißausbrüche und Muskellähmungen. In der siebten Runde ging er vor Schwäche zu Boden. Inspector Horn aber hatte ihn während der ganzen Zeit nicht getroffen.

Im Beitrag der BBC hörte es sich ganz anders an. Der Reporter überschlug sich förmlich in seinem Jubel über den Inspector, der – übrigens nur noch von hinten zu sehen – ‚diesen Kriminellen in die Enge trieb und schließlich erlegte.’

Dann sah man Horn mit dem Siegerkranz, ohne jeden Kratzer im Gesicht und mit demselben strahlenden Lächeln wie zu Beginn des Kampfes. Henry mit der Maske wusste, dass sein Kontrahent vor dem Fight mit dem Lorbeer für die Kameras posiert hatte, denn es war eine Tatsache, dass er hinterher nicht mehr vorzeigbar gewesen war.

Als Gipfel der Demütigung folgte eine Einspielung, in der Horn sich ‚aufopfernd’ um Frau und Tochter des Verhafteten kümmerte und für seine ‚selbstlose Nächstenliebe’ hochgelobt wurde.

Henry mit der Maske musste kotzen.


Inspector Lesby verfolgte die Sendung in einem weit angenehmeren Umfeld. Das Sofa, auf dem er saß, war zwar nicht das modernste und in einem sehr biederen Grau gehalten, dafür aber grundsolide und überaus bequem.

Vor sich hatte der Inspector eines seiner Lieblingsgerichte: Kartoffeln, Kohlgemüse mit viel Pfefferminzsoße und einige riesige Stränge Spareribs, mit frischem Paprika, Rosmarin und Salbei liebevoll gewürzt. Lesby lief das Wasser im Munde zusammen, immer wieder und das, obwohl ihm die Rippen weitaus spärlicher vorkamen als er es sich gewünscht hätte. Es war jedenfalls der zweite Strang, den er gerade verzehrte und er bedauerte ein bisschen, dass es schon der vorletzte war.

Obwohl Inspector Lesby gut und gerne einen mittelständischen Schweinemastbetrieb am Leben hielt, war er ganz und gar nicht fettleibig. Er hatte einen ungeheuren Kalorienverbrauch, um seine fast zweihundertachtzig Pfund schwere, täglich aufs Intensivste bewegte Muskelmasse am Leben zu erhalten.

Er fühlte sich jedenfalls richtig gut an diesem frühen Abend, hatte er doch den Nachmittag damit verbracht, fünfundzwanzig Kilometer zu laufen und hinterher drei Stunden etliche Tonnen Eisen zu bewegen. Noch besser ging es Inspector Lesby, weil er den Abend in gemütlicher Runde mit seiner Liebsten verbringen durfte.

Die BBC begann gerade, Inspector Horns Jagd nach dem Stinker zu würdigen, als Lesbys Mutter ihrem Sohn den Nachtisch servierte, einen Früchtekorb vom Umfang eines Wagenrades.

Kein Verbrecher hatte London im letzten Jahr derart in Atem gehalten wie der Stinker, der es verstand, mit einer höchst perfiden Methode binnen kürzester Zeit etliche Millionen Pfund zu ergaunern.