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City of Angels 01Andrea Gunschera |
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ISBN: 978-3-940235-89-3 Erschienen: Sep. 09 Preis: 14,90 Euro Broschiert, 404 Seiten |
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Klappentext
Eine Mordserie erschüttert Los Angeles. Jede Nacht sterben zwei Obdachlose in den Straßen von Downtown. Der Mörder geht mit außergewöhnlicher Brutalität zu Werk. Die Reporterin Eve Hess kreuzt bei ihren Ermittlungen die Fährte zweier Männer, die beide nicht menschlich zu sein scheinen. Da ist Kain, ein Killer, so schön wie skrupellos, getrieben vom brennenden Wunsch nach Rache. Und Alan, der mehr ist als der erfolgreiche Maler, der Szenen aus den Ghettos von L.A. auf seine Leinwände bannt. Der eine hat den Auftrag, sie zu töten, den anderen liebt sie gegen jede Vernunft. Bald muss sie sich fragen, wem sie noch trauen kann. Doch ganz gleich wie die Würfel fallen, dies können sie nicht aufhalten: Die Wiedergeburt eines gefallenen Engels.
Leseprobe
Sie ließ die Tür hinter sich zufallen und streifte die Schuhe von ihren Füßen. Obwohl ihr Körper sich zerschlagen anfühlte, war sie nicht wirklich müde. Im Bad reinigte sie ihr Gesicht und wischte einen Rest Wimperntusche ab, der sich unter ihren Augen gesammelt hatte. Dicht beugte sie ihren Kopf zum Spiegel. Da waren Fältchen an den Mundwinkeln, die sich nicht mehr wegleugnen ließen. Mit einem Schnauben richtete sie sich auf und kniff die Augen zusammen. Sie war Mitte dreißig, da war das normal. Wenn man nicht genau hinschaute, bemerkte man es kaum. Ihre Wut auf Mark war noch nicht verflogen. Er trug Schuld daran, dass sie begann, sich selbst in Frage zu stellen. Sie ging zurück ins Wohnzimmer, ließ sich in einen Sessel fallen und schaltete den Laptop ein. Während sie darauf wartete, dass das System hochfuhr, suchte sie nach dem Fenster im gegenüberliegenden Block. Dem Fenster. Es brannte noch Licht. Ihre Haut kribbelte. Schwach zeichnete sich die Silhouette eines Mannes hinter den Vorhängen ab. Sie konnte nicht sagen, was an diesem Umriss sie so elektrisierte, aber seit sie vor ein paar Wochen eingezogen war, suchte sie jeden Abend nach dem Schatten auf der anderen Seite. Das Gebäude war ein ehemaliges Bürohochhaus aus den vierziger Jahren mit einer prachtvollen Stuckfassade, das nun Appartements beherbergte. Es grenzte an das etwas heruntergekommene Hotel Figueroa und einen unbeleuchteten Parkplatz auf der anderen Seite. Während der langen Abende am Fenster hatte Eve zu spekulieren begonnen. Vielleicht war er Künstler. Ein paarmal hatte sie geglaubt, ihn vor einer Staffelei stehen zu sehen. Rasch verkabelte sie die Kamera mit dem Laptop, stand auf und schaltete die Lampe aus. Der Monitor warf eine blaue Reflexion auf den Teppich. Eve beobachtete das erleuchtete Fenster. Die Silhouette blieb lange unverändert, bis sich der Mann plötzlich aufrichtete und die Vorhänge zurückzog. Er stieß einen Fensterflügel auf und lehnte sich hinaus. Eve registrierte, dass er bis zu den Hüften nackt war. Der Lichtschein in seinem Rücken ließ seine Konturen ätherisch erscheinen. Zum ersten Mal erfasste sie mehr von ihm als nur seinen Umriss. Ob er von ihr wusste? Sie bezweifelte es. Wind zerrte an den Vorhängen. Er streckte einen Arm aus und fing den Stoff mit der Hand.
***
Später am Tag lud Eve die Bilder von ihrer Kamera auf den Laptop. Über der Stadt zog die Dämmerung herauf, der Horizont hinter den Hollywood Hills färbte sich nach Violett und Rot. Als sie die Bilder auf dem Bildschirm öffnete, verschlug es ihr den Atem. Die Nikon-Aufnahmen, brillant und hochauflösend, waren von bestechender Qualität. Eve vergrößerte eines der Fotos. Der Tote, ein Schwarzer mittleren Alters, lag seitlich verkrümmt auf dem Asphalt. Auf dem Bild waren seine Verletzungen deutlich zu erkennen. Der klaffende Schnitt an der Kehle mochte von einem Messer stammen und war an der rechten Seite zerfetzt, so als habe der Mörder die Wunde nachträglich mit einem stumpfen Werkzeug erweitert. Eve vergrößerte den Ausschnitt, bis sich das Bild in einzelne Pixel aufzulösen begann. Sie starrte eine Zeitlang auf die schwärzlichen Flecken, bis sie erkannte, was es war. Einkerbungen entlang des Risses. Kratzer auf der Haut neben der Wunde. Vier Stück, in gleichmäßigen Abständen. Sie hob eine Hand und betrachtete ihre Finger. Wenn jemand mit genügend Kraft seine Nägel ins Fleisch versenkte, konnte er eine solche Verwüstung anrichten. Der Gedanke ließ sie schaudern. Aber warum sollte jemand so etwas tun? Sie blickte auf und suchte nach dem Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie wartete darauf, dass sich das Licht einschaltete, wie jeden Abend. Sehnsüchtig wünschte sie es herbei. Nachdem ihre Wut auf Greg abgeklungen war, fühlte ihr Geist sich wund an. Greg La Rosa hatte nur die Wahrheit gesagt, und die schmerzte. Sie konnte kaum fassen, dass es sie noch immer verletzte, von Fremden zu hören, was sie längst wusste. Mark hatte eine neue Frau. Wen kümmerte das schon? Im Zimmer gegenüber ging das Licht an. Erregung stieg in ihr auf. Sie wartete darauf, seine Silhouette zu sehen. Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie registrierte eine Bewegung, ein schnelles Wischen. Etwas riss an den Vorhängen, das Licht erlosch. Merkwürdig. Eve wartete ein paar Minuten, ohne dass etwas geschah. Dann beugte sie sich wieder über den Laptop, doch ihre Finger verharrten reglos über den Tasten. Vielleicht ein simpler Stromausfall? Die anderen Fenster strahlten gelb in die Nacht. Kein Stromausfall. Was dann? Wieso konnte sie sich nicht konzentrieren, nur weil das verdammte Licht nicht brannte? Vielleicht wollte er nicht, dass ihm jemand beim Sex zusah. Eve biss sich auf den Daumennagel. Die Vorstellung schickte einen Schwall Eifersucht durch ihren Körper. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Das durfte nicht wahr sein. Sie hatte sich nicht ernsthaft in eine Silhouette verguckt. Nein, das war lächerlich. Höchste Zeit, dass sie sich Gesellschaft für ihre einsamen Nächte suchte. Felipe hatte Recht, sie brauchte einen neuen Mann. Vielleicht sollte sie Andrew eine Chance geben. Das war auf jeden Fall besser, als sich zu zerfleischen und Schattenrissen nachzulaufen. Wieder dachte sie an Alan Glaser, den gut aussehenden Maler, der am Ende möglicherweise Undercoveragent war und Terroristen jagte. Aufregend. Sie hatte versäumt, sich nach Details zu seinem Liebesleben zu erkundigen, weil sie begierig gewesen war, eine Leiche zu fotografieren. Eine Frau musste eben Prioritäten setzen. Sie könnte in der Galerie Petrowska anrufen und Katherina die Große nach Glasers Telefonnummer fragen. Dabei müsste sie nicht einmal lügen, wenn sie Katherina sagte, dass sie das halb begonnene Interview fortsetzen wollte. Den Künstler nach schlüpfrigen Details fragen, die die Leser der People’s brennend interessierten. Mein Gott, ihre Phantasie ging mit ihr durch. Das waren also ihre Optionen. Ein zwielichtiger Maler und ein Schatten. Kein Wunder, dass Felipe sich über sie lustig machte. Erneut starrte sie zum Fenster hinüber. Was, wenn sie gerade einen Einbruch beobachtet hatte? Einen Raubüberfall? Sie stand auf und holte sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. In Wirklichkeit wollte sie nur nicht wahrhaben, dass eine weibliche Hand die Vorhänge zugezogen und das Licht gelöscht hatte, um ihrem schattenhaften Liebhaber die Kleider vom Leib zu reißen. Eve kehrte an ihren Schreibtisch zurück, öffnete das Bild mit dem blutigen Handabdruck und verstärkte die Kontraste. Minutenlang musterte sie die feinen Linien. Ihr fiel eine Irritation im Bereich der unteren Fingerglieder auf, eine Verdickung der Strukturen auf allen vier Flächen. Schmutz oder dickflüssiges Blut? Aber die Konturen wirkten gleichmäßig. Und plötzlich sah sie es. Zwei senkrechte Striche, durch eine Diagonale verbunden. Ein N. Es musste eine Art Tätowierung sein, die sich wie ein Brandzeichen über die Hautfläche erhob. Das nächste Zeichen war ein aufgestellter rechter Winkel, der sich nach links öffnete. Dann ein Oval, ein O. Der letzte Buchstabe zeigte ein spiegelverkehrtes P. Vielleicht eine Art Geheimcode? Oder die weniger berauschende Möglichkeit, es hatte schlicht gar nichts zu bedeuten. Nein, das wollte sie nicht glauben. Man ritzte sich nicht grundlos Symbole in die Finger. Andererseits hatten sie es mit einem irren Serienmörder zu tun. Jemand, der mit kalendarischer Präzision allnächtlich zwei Menschen ermordete, schnitt sich vielleicht auch Zeichen in die Haut, einfach nur zum Vergnügen. Sie warf einen Blick zum Fenster. Es blieb schwarz. Was, wenn ein Eindringling dem Mann aufgelauert und ihn niedergeschlagen hatte? Ihr wurde heiß bei der Vorstellung. Und sie hatte zugesehen, und nicht einmal versucht, ihm zu helfen. Aber sie konnte schlecht hinübergehen und an seiner Tür klingeln. Das war absurd. Was sollte sie sagen, wenn er öffnete? Sie wusste doch nicht einmal, welches Apartment er bewohnte. „Shit“, sagte sie in den Raum hinein. Sie sprang auf, schlüpfte in ihre Schuhe und klaubte ihre Schlüssel von der Küchentheke. Sie öffnete die Wohnungstür, zögerte. Schließlich rannte sie zurück ins Schlafzimmer, zog die Schublade ihrer Wäschekommode auf und nahm die Beretta an sich. Sie warf die Pistole in ihre Ledertasche, zusammen mit einem Ladestreifen. Draußen im Flur zog sie die Beretta wieder heraus und hoffte, dass nicht ausgerechnet jetzt ein Nachbar auftauchte. Sie rammte den Munitionsclip in den Griff und lud die Waffe durch. Erst im Aufzug bemerkte sie, dass sie ihr Telefon vergessen hatte, wollte aber kein zweites Mal umkehren. Glücklicherweise saß nicht Felipe am Empfang, sondern die kleine Blondine, deren Name sich Eve nie merken konnte. Sie nickte der Frau zu und lief an ihr vorbei zum Ausgang. Mit weit ausgreifenden Schritten umrundete sie den Block. Sie wartete eine Lücke im Verkehr ab und hastete über die Straße. Neben einer stahlgerahmten Glastür hing ein Tastenfeld, das sie aufforderte, einen Code einzugeben. Eve legte den Kopf in den Nacken und starrte die Fassade hinauf. Wenn sie richtig gezählt hatte, befand sich das Apartment im achtzehnten Stock, eine Etage unter dem Dach. Sie wollte eben das Gesicht an die Scheibe legen und in den Raum dahinter spähen, als die Tür von innen aufgestoßen wurde. Eine junge Frau zog zwei weiße Terrier an einer Leine hinter sich her. „Hallo“, murmelte Eve. Sie drängte sich an der Frau vorbei ins Foyer. Es gab keinen Empfangstresen, nur drei Aufzüge mit zerkratzten Fronten. Eve drückte den Rufknopf und betrachtete die Wände, während sie wartete. Die Stuckverzierungen ließen erahnen, dass dies einst ein schönes Haus gewesen sein musste. Doch der Anstrich war vergilbt und voller Staub, die Farben längst verblasst. Ein muffiger Geruch schlug Eve entgegen, als sich die Fahrstuhltüren öffneten. Als sie die Kabine nach einer gefühlten Ewigkeit im achtzehnten Stock verließ, hatte sie das Gefühl, in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Der Korridor erinnerte an die Gangway eines Flugzeugs aus den Achtzigern. Ein brauner Filzteppich dämpfte ihre Schritte, die Decke flirrte in dämmrigem Licht. Eve lief den Korridor hinunter. Manche Türen waren mit Nummern beschriftet, andere starrten ihr leer entgegen. Filmplakate bedeckten die Wände. Irgendwo lief Fernsehwerbung, viel zu laut. Eve kam sich deplaziert vor. Sie könnte an einer der Türen klingeln, und es würde ihr ein Fremder öffnen, wahrscheinlich nackt mit einem Handtuch um die Hüften. Was sollte sie dann sagen? ‚Hi, ich bin Eve. Bewaffnet und gefährlich?‘ Sie wusste doch nicht einmal, ob wirklich Mister Schattenriss vor ihr stand oder nicht. Unschlüssig schaute sie sich um. Was für ein bizarrer Moment. Sie konnte das jetzt durchziehen, auf die Gefahr hin, sich komplett lächerlich machen. Oder sie konnte umkehren und auf dem Weg zurück noch im Supermarkt einkaufen, um wenigstens einen Teil ihrer Würde zu retten. Doch dann bemerkte sie, dass die Tür zu ihrer Rechten einen Spalt offen stand. Es brannte kein Licht auf der anderen Seite. Sofort richteten sich ihre Nackenhärchen auf. „Hallo?“, fragte sie halblaut. Stille quoll ihr entgegen. Sie tippte leicht gegen die Tür, so dass das Blatt nach innen schwang. Mit einem Mal schienen die Geräusche im Haus sich verändert zu haben. Der Fernsehsprecher klang jetzt weiter entfernt. Etwas knackte hinter ihr. Sie warf einen Blick zurück. Eine der Leuchtstoffröhren an der Wand flackerte. Eine Diskontinuität, die sie zuvor nicht wahrgenommen hatte. „Hallo?“ ‚Ich bin Eve, bewaffnet und gefährlich’. Sie tastete nach der Beretta in der Handtasche und schloss ihre Hand um den schweren Griff. Das Metall fühlte sich kein bisschen beruhigend an. Im Gegenteil. Sie hatte das Gefühl, über eine unsichtbare Grenze zu treten, als sie die Pistole entsicherte. Die Luft schien sich zu verdichten. Es roch anders als noch einen Augenblick zuvor. Oder sie hatte es schon die ganze Zeit wahrgenommen, diesen feinen metallischen Gestank, es nur nicht bewusst realisiert. Sie hob die Waffe und machte einen Schritt ins Dunkel. „Hallo?“, fragte sie zum dritten Mal. „Ist alles in Ordnung?“ Der Boden unter ihren Füßen fühlte sich schlüpfrig an. Sie tastete die Wand nach einem Lichtschalter ab. Das Gefühl der Unwirklichkeit verstärkte sich. Als sie endlich den Schalter fand, flammte eine Deckenleuchte auf und enthüllte eine Art Studio. Vor ihr öffnete sich ein Raum mit hohen Fenstern. Eine Küchenzeile, ein Holztisch mit zwei Stühlen, eine umgestürzte Staffelei. Stahlregale säumten die Wände, ein Stapel Keilrahmen lehnte daneben. Kupfergeruch. Sie schluckte die aufkeimende Übelkeit hinunter. Angewidert richtete sie ihren Blick auf die dunkle Flüssigkeit am Boden. Sie brauchte sich nicht zu bücken, um zu wissen, dass es Blut war.
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