Home  |  Buchkatalog  |  Autoren  |  Buch-Trailer  |  FAQ  |  Buchhändler-Info  |  Kontakt  |  Suche

Erben der Schuld






 

Bettina Reiter



ISBN: 978-3-940235-18-3

Erschienen: Mai. 08

Preis: 16,50 Euro

Broschiert, 228 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

England 1643: Während König Karl I. gegen die Anhänger des Parlaments zu Felde zieht, führt Mary-Ann ihren eigenen Kampf in ihrer unglücklichen Ehe mit James White, einem der reichsten Männer in der Grafschaft Kent. Intrigen, Geheimnisse und der drängende Wunsch nach einem Erben machen Mary-Ann und den anderen Frauen auf White Moral das Leben nicht einfacher. Als Mary-Anns Bruder William zu Besuch kommt, lernt sie dessen besten Freund John van Hoven kennen und verliebt sich in ihn. Doch diese Liebe scheint aussichtslos, ebenso wie der Wunsch, dem Leben mit James zu entfliehen.

Aber allmählich begreift Mary-Ann das wahre Ausmaß von James’ Machtgier, die auch vor Verschleppung und Mord nicht Halt macht. Als ihr Mann zum nächsten Schlag ausholt, droht Mary-Ann alles zu verlieren. Doch in James’ Leben gibt es eine verhängnisvolle Schwäche ...  

 

 

Leseprobe

 

 

Der bestialische Gestank des Krieges lag in der Luft. Es roch nach Fäulnis, Verwesung und Seuchen. Vereinzelt sah man Rauchschwaden gen Himmel steigen. Zahllose Feuer brannten die letzten Reste einstiger Prachtbauten Londons bis auf die Grundmauern nieder. Plötzlich ließ eine Explosion die Stadt erzittern. Eine Stadt, von der nichts mehr übrig war. Der frühere Glanz war erloschen und einem Bild des Grauens gewichen.

Inmitten des Durcheinanders irrten Menschen ziellos umher und schrien nach ihren Angehörigen oder Freunden. Andere wiederum suchten in den Trümmern nach Überlebenden. Mit bloßen Händen gruben sie, verzweifelt weinend und doch noch hoffend. Andere saßen einfach nur da und wiegten ihre Kinder in den Armen. Ihr Blick war leer und ausdruckslos, als wären sie in einer anderen Welt. So wie ihre Kinder, die längst hinüber gegangen waren.

Irgendwo in dem ganzen Chaos hörte man eine Frau wimmern. Sie lag hinter dem verbliebenen Mauerwerk eines eingestürzten Hauses. Einige Strähnen ihrer langen, dunkelblonden Haare klebten in ihrem verhärmten Gesicht, das von Ruß bedeckt war. Helle Linien zeugten von Tränen. Sie konnte noch nicht sehr alt sein, denn sie hatte etwas Mädchenhaftes an sich.

Plötzlich schrie sie aus Leibeskräften und legte ihre Hand schützend um den gewölbten Leib. Dabei atmete sie schwer und ruhelos.

„Oh Gott, weshalb tust du mir das an?“, schluchzte sie und merkte, wie die Kräfte sie allmählich verließen. Verzagt schloss sie die Augen, um einen kurzen Moment auszuruhen. Dabei dachte sie an den Vater ihres Kindes, der sofort die Flucht ergriffen hatte, als sie ihm die Schande beichtete. Nur seine leeren Versprechungen sie zu ehelichen waren zurück geblieben. Dennoch hatte sie die Hoffnung nie aufgegeben, dass er sich eines Tages zu ihnen bekennen würde, aber er war bei der Schlacht in Somerset gefallen. Und nun hatte sie niemanden mehr. Der Weg zurück nach Hause war ihr versperrt und hier draußen tobte der Krieg. Ihre Lage war völlig aussichtslos.

Aber sie hatte keine Zeit, um weiter darüber nachzudenken. Wieder durchfuhr sie die Pein, als hätte ihr jemand ein Messer in den Leib gerammt. Sie stöhnte auf und wischte sich über die erhitzte Stirn. Als die Wehe endlich vorüber war, ließ sie sich erschöpft auf ihr karges Lager zurückfallen. Sie griff neben sich und spürte die kalte Klinge des Messers. Dreimal bekreuzigte sie sich. Eine Todsünde, dessen war sie sich bewusst, aber auch der letzte Ausweg aus diesem Elend.

„Einst habe ich deinen Vater geliebt“, flüsterte sie heiser. Ihre eigene Stimme kam ihr fremd vor, doch das zärtliche Streicheln über ihren Bauch war umso vertrauter.

Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht und schluchzte, beschämt über ihr Vorhaben, auch wenn es keine andere Möglichkeit gab. Und wem war sie Rechenschaft schuldig, versuchte sie ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Auch sie selbst würde aus dem Leben scheiden. Der Einzige, dem sie Abbitte leisten musste, war Gott. Er würde hart mit ihr ins Gericht gehen, denn sie würde als Mörderin vor ihm stehen.

Die nächste Wehe war stärker als alle zuvor. Sie hörte das Knirschen ihrer Zähne, bis der Schmerz wieder nachließ. Aber die Abstände der Wehen wurden immer kürzer. Und dann, als sie es kaum noch aushalten konnte, hörte sie den Schrei ihres Kindes.

Erschöpft durchtrennte sie die Nabelschnur, säuberte ihr Kind mit dem Saum ihres Kleides und wickelte es in ein zerschlissenes, graues Tuch. Noch immer schwer atmend drückte sie ihr Kind an sich. Erst jetzt nahm sie wahr, dass die kalte Nacht bereits dem Morgen gewichen war. Der Himmel hatte sich glutrot verfärbt, dennoch wirkte alles trostlos. Bis sie ihr Kind betrachtete. Der Moment, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte, da sie ahnte, dass die Liebe zu ihrem Kind stark sein würde. Aber die Wirklichkeit war nicht in Worte zu fassen und verscheuchte flüchtig die drohenden Schatten. Sanft streichelte sie über das kleine Gesicht und liebkoste es immer wieder. Die Zeit verlor sich, bis ihr bewusst wurde, dass sie nicht länger daran festhalten durfte, denn bereits jetzt schien ihr Vorhaben unmöglich geworden zu sein.

Zitternd lag ihre Hand auf dem Messer. Einen winzigen Augenblick noch, dann umfasste sie es und wischte die Blutspuren, die sich noch darauf befanden, langsam in ihr Kleid. Tränen traten aus ihren Augen, als sie die Waffe gegen ihr Kind richtete.

Die silberne Klinge war dem Hals so nahe, dass die Spitze bereits die zarte Haut berührte. Doch plötzlich brach sich das Sonnenlicht im glänzenden Metall und blendete sie. Voller Abscheu warf sie das Messer weit von sich. Sie konnte ihr Kind nicht töten. Niemals! Sie liebte es schon zu sehr um wieder von ihm getrennt zu sein. Gott hatte ihr ein Zeichen gesandt. Das Leben erschien ihr auf einmal als ein Geschenk und nicht als Last. Die Gefühle für ihr Kind und der Glaube, dass der Herr ihr helfen würde, riefen eine ungeahnte Entschlossenheit in ihr hervor.

„Ich liebe dich, mein kleiner Engel.“ Zärtlich küsste sie ihr Kind auf die Stirn. „Ich werde mir ein Leben lang nicht verzeihen können, was ich dir beinahe angetan hätte. Aber ich verspreche dir, dass du ein schönes Leben haben wirst, einerlei was es mich kostet!“

„Na, wen haben wir denn da?“, vernahm sie plötzlich eine zynische Stimme.

Ihre Nackenhaare sträubten sich, da sie ahnte, wer vor ihr stand. Instinktiv presste sie ihr Kind fester an sich. Ein tiefer Atemzug, dann hob sie entschlossen den Blick. Sie hatte sich nicht getäuscht. Der alte Ripley stand grinsend vor ihr. Kalte Schauer rieselten über ihren Rücken.

„Was wollen Sie?“ Ihre Stimme zitterte und sie hoffte inständig, dass er sie nicht erkannte. Mutiger als sie war fuhr sie fort. „Ich habe weder Geld noch Brot. Bei mir gibt es nichts zu holen!“

„Da wäre ich mir nicht so sicher!“ Er kam näher. Sie versuchte aufzustehen. Sie musste flüchten, sofort. Wer wusste, was Ripley mit ihr vorhatte? Aber als sie sich endlich mühsam erhoben hatte, stand er ganz dicht vor ihr. „Wir haben uns lange nicht mehr gesehen“, raunte er. Sein fauliger Atem schlug ihr entgegen.

Dann hörte sie einen Knall.

Ihr Kind begann zu schreien. Sie taumelte rückwärts und sackte in sich zusammen. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie Ripley an, wollte etwas sagen, aber ihrer Kehle entrang sich nur ein gurgelnder Laut. Entsetzen erfasste sie. Sie würde ihr Kind nicht mehr beschützen können und nur mit letzter Kraft ließ sie sich behutsam zu Boden gleiten. Immer darauf bedacht, das Kleine nicht fallen zu lassen.

„Ich liebe … dich, mein … Engel.“ Sekunden später fiel ihr Kopf zur Seite.

Ripley senkte seine Faustbüchse und riss ihr das weinende Bündel aus den Händen, die es noch immer umschlungen hielten.

„Das wird dem Meister gefallen“, murmelte er hämisch und durchsuchte die Frau nach Wertsachen, aber er fand nichts Lohnendes. Wütend darüber versetzte er ihr noch einen Stoß mit dem Fuß. „Weiber“, zischte er, während das Kind unter seiner harten Umklammerung immer lauter brüllte. „Sei still, du Balg.“ Er sah sich nach allen Seiten um, als er die Zufluchtsstätte der jungen Frau verließ. Dann hastete er vorwärts, denn er wollte seine Beute so schnell wie möglich liefern.

 

Kapitel 1


England, 24. Juli 1643


Mary-Ann stand auf der Veranda im ersten Stock. Sie hatte sich bereits für das Abendessen umgezogen und hoffte, dass James mit der Auswahl ihrer Kleidung zufrieden sein würde. Doch es war fraglich, ob ihr Mann das Dinner mit ihr einnehmen würde, denn er hatte heute zur nachmittäglichen Teestunde schon mit Abwesenheit geglänzt und wie so oft hatte sie keine Ahnung über seinen Verbleib. Aber als Besitzer eines der größten Landsitze Kents war sie gewohnt ihn mit seiner Arbeit zu teilen, wenn auch ungern. Viel lieber wäre sie mit ihm durch die wunderschöne Natur spaziert, so wie damals, als er ihr den Hof gemacht hatte.

Der laue Abend, über dem die flirrende Hitze des Sommertages lag, lud sie geradezu ein. Noch immer war kein Windhauch zu spüren. Mary-Ann liebte die zahlreichen Eschen, deren zylindrische Kronen sich ausladend zum Himmel streckten und deren Starrheit sie an unbewegliche Wächter erinnerte. Sie umsäumten das weiß getünchte, barocke Herrenhaus mit den kunstvoll verzierten Säulen, das sich majestätisch von der übrigen Landschaft abhob und inmitten eines riesigen Parks lag. Dessen Farbenvielfalt ergab einen fast exotischen Kontrast zum umliegenden Weideland, auf dem eine große Herde Schafe graste. Nicht weit davon entfernt, jenseits des Baches, der eine natürliche Grenze zog, befand sich eine Pferdekoppel. Prachtvolle Hengste lagen träge auf der Erde. Manche schüttelten unablässig ihre Mähnen, um die zahlreichen Fliegen zu vertreiben. Auch die übrige Gegend war ländlich und erhob sich in sanften Kreidehügeln. Und das kräftige Grün des riesigen Waldstücks, dem Andredsweal, schien bis zum Horizont zu reichen. Mary-Ann hatte dieses Stück Land von Beginn an in ihr Herz geschlossen. Aber es war Zeit hinunter zu gehen, da sie James um nichts in der Welt warten lassen wollte.

Eilig raffte sie ihr Kleid und machte sich auf den Weg in das Esszimmer. Enttäuscht stellte sie fest, dass James noch nicht anwesend war. Sie setzte sich und besah sich das edle Essbesteck, das ihnen ihr Bruder William zur Hochzeit geschenkt hatte. Die Handhabung der Gabel war noch immer ungewohnt. William hatte damals berichtet, dass sie zwar in Italien bereits zur guten Sitte gehörte, doch im übrigen Europa nach wie vor belächelt wurde. James hatte sich anfangs dagegen gesträubt eine Gabel zu benutzen, aber inzwischen fand auch er Gefallen daran, sich am Essen nicht mehr die Finger schmutzig zu machen.

Dann hörte sie endlich seine schweren Schritte. Als James eintrat, lächelte sie ihn an. Doch er würdigte sie keines Blickes, sondern setzte sich ihr an der langen Tafel gegenüber. Die Suppe wurde aufgetragen und die Kerzen auf dem Leuchter angezündet, der nahe der Tischkante stand. Die flackernden Flammen zischelten auf kläglich verbliebenen Stumpen. Wachs fiel auf den Mahagonitisch. Eine der Kerzen ging aus. Der Docht glühte kurz auf, dann zog feiner Rauch in die Höhe und der typische beißende Geruch verteilte sich im Raum. Nur das Ticken der italienischen Wanduhr und das Klappern von Besteck waren zu hören.

Plötzlich legte James den Silberlöffel beiseite, griff zur Serviette und betupfte sich die Mundwinkel, den Blick starr auf Mary-Ann gerichtet.

„Hast du mir etwas zu sagen?“ Er knüllte die Serviette zusammen. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor.

„Es tut mir leid“, antwortete Mary-Ann leise, legte ebenfalls den Löffel ab, obwohl ihr Teller noch halbvoll war. Sie hielt den Blick gesenkt. „Ich habe heute …“

„Schweig!“ Er warf das Mundtuch achtlos auf den Tisch.

„Es tut mir leid, James“, wiederholte sie mit dünner Stimme, hob den Kopf ein wenig und schaute ihn an. Dabei rann ihr eine Träne über das Gesicht.

„Es tut mir leid“, äffte er sie nach und schlug so kräftig mit der Faust auf den Tisch, dass das vor ihm stehende Kristallglas umkippte und klirrend zerbarst. Der Rotwein ergoss sich über die Tafel und tröpfelte monoton zu Boden. „Du machst mich zum Gespött der Leute!“

Mary-Ann, die unter seinem Schlag zusammengezuckt war, faltete ihre zitternden Hände im Schoß und schwieg.

Grollen war in der Ferne zu hören.

„Ich werde mich bemühen, James“, versprach sie, konnte aber seinem Blick nicht mehr standhalten. Sie wich ihm aus und fixierte ihre Hände.

„Das ist zu wenig! Ich will endlich Ergebnisse sehen, hast du mich verstanden?“

„Ja“, wisperte sie und bemerkte, dass sich die Tür öffnete. Sie wischte sich über die Augen und blickte hoch. Victoria, das Hausmädchen war eingetreten. Mary-Ann spürte Wärme aufsteigen, als sie die Vertraute sah.

„Hol ein neues Glas!“, befahl James und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.

Er schaute Victoria nach, die hinauslief, um gleich darauf mit dem Gewünschten wiederzukehren. Sie stellte das Glas vor James ab, griff zur bauchigen Kristallkaraffe und schenkte ihm ein. Er lehnte sich vor, nahm das Glas und trank es in einem Zug leer. Dann hob er es Victoria wortlos entgegen, die erneut zur Karaffe griff und ihm nachschenkte.

Mary-Ann hatte die Szene verfolgt und sah Victoria nun dabei zu, wie sie die Scherben einsammelte. James nippte an seinem Glas und beobachtete das Hausmädchen ebenfalls. Vorsichtig legte Victoria die Splitter in die eingenähte Tasche ihrer Schürze. Die weiße Haube war verrutscht und gab den Blick auf ihr braunes, zu einem Zopf geflochtenes Haar frei.

James trommelte mit seinen Fingern unablässig auf den Tisch.

An Victorias Hals zeigten sich rote Flecken. Hastig wischte sie den verschütteten Wein fort und trug das Geschirr ab. James hatte die Stirn gefurcht, aber er schwieg und griff wieder zum Glas.

Mary-Ann war froh über diesen Aufschub, denn derlei Privatgespräche führte er niemals im Beisein des Dienstpersonals. Er hasste nichts so sehr wie unliebsame Zuhörer, obwohl sie davon überzeugt war, dass man ihn sogar bis zu den Stallungen hören konnte, wenn er in Rage war. Konversation während des Essens war ebenso verpönt. Nur zwischen den Gängen war ein Gespräch erlaubt, aber nur dann, wenn er selbst das Wort ergriff.

Victoria servierte den zweiten Gang und zog sich danach diskret zurück. Mary-Ann sah kurz zu ihrem Mann, der schon zu Essen begonnen hatte. Der zart rosa gegarte Truthahn mit einer knusprigen Kruste verströmte einen verlockenden Duft. Doch sie aß weder ihn, noch die Kartoffeln, sondern stocherte nur lustlos darin herum. Ihr Versagen schmerzte zu sehr und schlug ihr schon seit einiger Zeit auf den Magen. Einerseits fühlte sie sich verletzt und andererseits haderte sie mit sich selbst. Wieder einmal hatte sie ihren Mann enttäuscht. Seine Wut, seine Beschimpfungen, all das hatte sie verdient. Dabei hatte ihre Liebe einst so schön begonnen.