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Götterfunkeln






 

Andrea Schacht



ISBN: 978-3-941547-01-8

Erschienen: März 2010

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 392 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

2012 - Wieder einmal nähert sich der Zeitpunkt des Weltuntergangs, diesmal berechnet von den Mayas, und die Götter stimmen darüber ab, wie es mit der Erde weitergehen soll. Gleichzeitig haben sie ihre Paradiese renoviert. Um sie auf Publikumswirksamkeit zu testen, wird einigen Auserwählten die Möglichkeit geboten, diese vor dem erwarteten irdischen Endtermin zu besuchen. Durch einen verrückten Zufall befinden sich Helena und ihr Kater Dante in der Gruppe der Auserwählten. Helena trauert noch immer um ihren Mann, den sie vor zwei Jahren verloren hat, und macht sich Hoffnungen, ihn im Paradies wiederzufinden. Auf Erden aber macht sich Joe, der Mann, der Helena schon seit Jahren in unerwiderter Liebe zugetan ist, auf die Suche nach der Verschwundenen. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt.

 

Leseprobe

 

„Also, Hunnemann! Wir sind hier in keinem konventionellen Flugzeug“, dröhnte es hinter mir. „Wir werden auf einem segmentierten Gravitationsstrahl geleitet, der uns völlig erschütterungsfrei in den Orbit bringt.“

Ich traute meinen Ohren kaum. Was war das für ein Gewäsch? Vorsichtig drehte ich mich um und erkannte Jürgen Esser hinter mir. War der nicht Chemiker? Oder Physiker? Auch Zara grinste und flüsterte mir zu: „Der war unser größter Skeptiker. Er hat einmal gesagt, er macht nur mit, um seinem Vereinskollegen Peter zu beweisen, das seine UFO-Theorie totaler Blödsinn ist.“

„Jetzt ist er aber ein hundert Prozent Bekehrter. Er tut ja so, als ob er richtig Bescheid wüsste.“

Dorle vor mir nörgelte weiter.

„Wenn wenigstens Fenster da wären. Das ist das erste Mal, dass ich fliege, da möchte man doch was sehen.“

Ich versuchte, die quengelige Stimme auszublenden und drehte mich wieder meiner Nachbarin zu.

„Zara, ich bin mir noch immer nicht sicher, ob das nicht doch ein ganz normaler Flieger ist.“

„Und wie erklärst du dir das da?“

Rechts und links von uns schob sich die Innenverkleidung zusammen und gab den Blick nach draußen frei.

„Entweder das ist ein Film oder ich träume“, entfuhr es mir, als neben uns die strahlend blaue, weißgetupfte Erdkugel auftauchte.

Ohs und Ahs wurden laut, ehrfürchtiges Gemurmel brandete auf, und Peter erhob sich aus der vordersten Sitzreihe, um eine Art Dankgebet zu intonieren. Dann machte er sich auf den Weg, einem jeden seiner Schäfchen so etwas wie einen Segen zu erteilen. Ich erwartete mit Spannung, wie er auf meine Anwesenheit reagierte.

Unwirsch, wie es sich zeigte.

„Was haben Sie hier zu suchen, Frau Dernette-Loe?“, fragte er barsch, als er sich von seinem Staunen erholt hatte. „Sie gehören nicht zu den Auserwählten.“

„Ich habe sie überredet, mitzukommen, Peter“, versuchte Zara ihn zu beruhigen.

„Unmöglich, völlig unmöglich! Wir dürfen nur insgesamt einundzwanzig Personen sein. So lautete die Anweisung.“ Peter plusterte sich richtiggehend auf, und sein Ornat wallte bei den heftigen Atemzügen, die er machte, um sich in Wut zu steigern.

„Wir sind nur einundzwanzig, Peter. Ingo Albring ist nicht erschienen“, sagte Zara.

„Ingo ist nicht erschienen, und du nimmst einfach jemanden mit, der nicht einmal weiß, worum es geht? Zara, das ist unmöglich! Ich verlange auf der Stelle eine Erklärung!“

„Zara hat es Ihnen erklärt, Herr Nickel. Warum regen Sie sich so auf? Wollen Sie mich zurückschicken?“

Ich wies auf das Fenster, wo die blaue Erdkugel allmählich kleiner wurde. Peters Ornat hört auf zu wogen und sackte wie ein landender Heißluftballon zusammen. Ihm wurde wohl soeben klar, dass wir jetzt auf Gedeih und Verderb zusammengehörten.

„Aber Sie kennen die Rituale nicht. Sie wissen nicht, wie Sie den Außerirdischen zu begegnen haben. Ich werde mich mit Ihnen blamieren.“ Seine Stimme hatte einen weinerlichen Unterton bekommen.

„Keine Sorge, Herr Nickel. Ich werde mich ganz im Hintergrund halten.“

„Und wenn es zu einer Begegnung kommt, werde ich meiner Freundin helfen“, unterstützte Zara mich.

Missmutig sah uns Peter an, wollte schon fast zustimmen, als sein Blick auf den roten Kater auf meinem Schoß fiel.

„Eine Katze? Die muss sofort hier raus! Sofort! SOFORT!“

Ich konnte nicht anders, langsam amüsierte mich seine selbstgemachte Hysterie.

„Dann machen Sie ein Fenster auf, und ich lasse Dante heraus.“

Inzwischen hatten sich alle Köpfe zu uns umgedreht, und seltsamerweise zupfte Mechthild Riet plötzlich an seinem Ärmel.

„So lass sie, Peter! Ich kenne den Kater, der ist ein ganz ruhiges Tier. Außerdem hast du gesagt, die Fremden hätten uns die Erlaubnis gegeben, etwas sehr Persönliches mit auf die Reise zu nehmen. Das ist bei ihr eben die Katze.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob sie das so gemeint haben“, murrte Peter, aber auch andere redeten auf ihn ein, und schließlich gab er sich mit meinem Versprechen zufrieden, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten und ging weiter.

Anschließend an seinen segnenden Rundgang herrschte wieder ehrfürchtige Stille, bis Dorle die nächste Beanstandung hatte.

„Wird sich nicht mal der Kapitän melden und uns sagen, wo wir hinfliegen?“

„Psst!“

Die Beleuchtung wurde gedämpfter, und über uns begann die Luft zu flimmern. Es war verwirrend, aus allen Richtungen schienen plötzlich leuchtend-rote Buchstaben zusammenzufliegen. Sie tanzten einen Moment umeinander, dann formten sie eine Zeile aus Wörtern, die sich wie eine Leuchtreklame um eine Achse drehte.


No smoking!


„Ein Holo-Com! Phantastisch!“, gab Esser zum Besten.

„Woher weiß der das nur?“, murmelte ich.

„Frag ihn. Schau, man hat noch mehr Infos für uns.“


Willkommen auf dem Transfer-Gleiter ‘Galaxy Basket’. Wir befinden uns im Exit-Channel des Planeten Erde. Beachten sie bitte die Sehenswürdigkeiten. Links lassen wir die Trümmer einer russischen Raumstation hinter uns, an der noch immer verzweifelte Renovierungsarbeiten durchgeführt werden. Rechts sehen Sie den Mond, beachten Sie bitte die kleine amerikanische Flagge …


Das war kein Gag. Das konnte kein technischer Schabernack sein, allmählich musste ich wohl glauben, dass wir uns in einem Raumschiff befanden.

Wie grässlich.

Und ich hatte mich noch nicht einmal von Beatrix verabschiedet, geschweige denn von meinen anderen Bekannten und Freunden.

„Sag mal, Zara, hat Peter auch mal was von einer Rückkehrmöglichkeit erzählt?“, wollte ich daher wissen.

„Nicht, dass ich wüsste. Wir werden evakuiert, weil die Erde vor dem Aus steht. Was willst du auf einer verwüsteten Erde? Nach einem Atomschlag oder einem Kometenaufprall ist da nichts mehr.“

„Aber …“

„Helena, sei froh! Wir sind diejenigen, die Glück haben. Wir sind auf dem Weg ins Paradies.“

Ich befand mich in einem seltsamen Geisteszustand.

Mein Verstand sagte mir, dass ich vor Angst und Entsetzen kreischen müsste, andererseits hatte mich eine gefühlsmäßige Wurstigkeit erfasst, die mich zwischen Staunen und Heiterkeit schwanken ließ. Ob da irgend etwas in dem Orangensaft war?

Plötzlich fiel mir mit Grauen eine Schilderung ein, die ich bald nach Julians Tod von Joe gehört hatte. Er wollte mich damals damit trösten, ich weiß. Aber sein Bericht fiel bei mir nicht auf fruchtbaren Boden. Joe, der einen entsetzlichen Motorradunfall gehabt hatte, war eine Weile dem Tode nahe gewesen. Er hatte mir versucht darzustellen, was er in diesen Minuten erlebte. Er war aus seinem Körper hinausgeglitten und durch einen langen, pulsierenden Tunnel gezogen worden, hin zu einem hellen Licht. Es sei sehr friedvoll und ruhig gewesen, doch bevor er in das Licht treten konnte, hatte er mit einem Mal das überaus starke Bedürfnis verspürt, wieder zurückzukehren. Als er wieder zu sich kam, hatten sich gerade Rettungssanitäter um ihn gekümmert.

Hatte ich nicht vorhin genau so ein Erlebnis gehabt – der Tunnel, der mich in das UFO gezogen hatte, das Licht, die sanften Töne?

Mein Gott, war ich tot?

 

***

 

Die Faszination von Casablanca in 3D verblasste nach wenigen Minuten für mich, und ich stupste Zara an, die gelangweilt ihre Fingernägel betrachtete.

„Erzähl mir mal ein bisschen von den Auserwählten. Ich kenne nur ein paar vom Sehen aus der Nachbarschaft. Du bist ja schon länger mit ihnen zusammen.“

„Alle kenne ich auch nicht. Ich bin erst vor einem Monat dazugekommen. Da hat mich Sigrid angesprochen, Peters Frau. Sie war einfach begeistert von seinem Erlebnis und der Idee, eine Gruppe zusammenzustellen, aber sie war sauer, dass Peter nur seine Vereinskameraden mitnehmen wollte. Sie meinte, es müssten auch ein paar Frauen die Chance haben, der Katastrophe zu entkommen.“

„Damit sie im Paradies ein paar Klatschbasen hat, falls sich nichts anderes ergibt, meinst du.“ Sigrid Nickel war bekannt für ihr geschmiertes Mundwerk. „Wen hat sie noch angeheuert? Die Riet?“

„Mechthild? Oh nein, die bestimmt nicht. Die beiden können sich nicht riechen. Mechthild hat Peter selbst beschwatzt.“

„Mich wundert es, dass sie mitgekommen ist. Ich hatte immer den Eindruck, sie gehöre zu denen, die bei Katastrophen besonders aufleben. Da sollte sie auf der Erde demnächst ein reiches Betätigungsfeld haben.“

„Hast du mal beobachtet, wie sie Peter ansieht?“

Ich hatte mich bislang wenig um das Privatleben meiner Nachbarn gekümmert, aber jetzt erinnerte ich mich an ein Straßenfest, das die Bewohner der Reihenhäuser im Sommer vor einigen Jahren organisiert hatten. Damals hatte es mich ein bisschen verblüfft, wie mädchenhaft die große, kräftige Mechthild mit ihrer dauergewellten Drahtwolle auf dem Kopf kicherte, wenn Peter in ihre Nähe kam.

„Sollte das späte Mädchen eine unauslöschliche Leidenschaft zu unserem Klempnermeister hegen?“

„Du würdest dich wundern, wie oft bei ihr die Heizung ausfällt, die Rohre ausleiern und die Wasserhähne tropfen.“

„Wen kennst du noch?“

„Die beiden vor uns“, flüsterte Zara.

„Hunnemanns kenne ich auch. Die wohnen schließlich gegenüber.“

„Den Major.“

„Einen Major. Gut, dann haben wir ja militärischen Schutz. Wer ist das?“

Zara deutete nach vorne, wo hinter den Nickels ein graugewellter Hinterkopf aufragte. Bei der Höhe der Rückenlehnen ließ das auf eine stramme Sitzhaltung schließen.

„Luftwaffe, Gerhard Sieber. Pensioniert und aktiv im Sportverein.“

„Wo sonst. Thekenfußball?“

„Softball.“

Wir gingen noch ein paar andere Mitreisende durch, während der Film sich dem Ende zuneigte und Humphrey langsam im Raum zerflatterte. Ich sah aus dem Fenster, wo in tiefschwarzer Nacht Sternenwolken zerstoben, intergalaktische Nebel wallten und eine Supernova nach der anderen zerbarst. Doch dann änderte sich das Bild, wir näherten uns ganz offensichtlich einer riesigen Raumstation. Selbst ohne die Bremsverzögerung körperlich wahrzunehmen hatte ich den Eindruck, dass wir langsamer wurden und zur Landung ansetzten. Das Holo-Com gab Auskunft.


Wir haben einen Aufenthalt von einer halben Stunde. In der Anlage werden Erfrischungen gereicht. Achten Sie bitte im Sinne der Raumpflege darauf, die Abfälle in die dafür bereitgestellten schwarzen Löcher zu werfen.


„Pinkelpause, meine Herren!“, schnarrte der grau-gewellte Major und stand auf.

„Ah ja, gehen wir nach draußen. Ich bin sicher, hier nimmt unser Schiff neue Antimaterie auf. Das will ich mir unbedingt ansehen.“ Jürgen Esser drängte sich durch den Gang zur Ausstiegsrampe.

„Wollen wir auch nach draußen gehen, Helena?“

„Liebst du Tankstellen-Atmosphäre? Außerdem möchte ich nicht, dass mir Dante da draußen entwischt. Nein, bleiben wir hier und sehen einfach aus den Fenstern.“

Wir waren die Einzigen, die zurückgeblieben waren und schlenderten nach vorne, um einen größeren Überblick zu haben. Es präsentierte sich uns eine künstliche Welt, ein gigantischer Hangar mit einer Unmenge technischer Einrichtungen, metallisch glänzend, dazwischen grelle Markierungen, flimmernde Monitore, umhereilende Maschinchen, vermutlich Wartungsgeräte. Ein hypermoderner Flughafen eben. Zwei weitere Flugobjekte, allerdings nicht untertassenförmig, sondern verdächtig dem Space-Shuttle ähnlich, parkten neben uns.

„Sieh mal, oh, Helena, sieh nur. Das sind die ‚Anderen’.“

Zara zerrte mich zu einem gegenüberliegenden Fenster und deutete auf etwas, das wie ein Souvenir-Shop aussah. In der Tat, eine Gruppe einheitlich aussehender Geschöpfe kam heraus und eilte zu einem der Raumfahrzeuge. Sie waren grau, entweder, weil sie solche Anzüge trugen, oder weil es ihre Hautfarbe war. Ihre Köpfe mit großen, schwarz-glänzenden Augen waren übergroß, ihre Körper dünn und ausgemergelt.

„Also, wenn du mich fragst, die sehen nicht gerade aus wie das blühende Leben.“