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Im Bann des Wolfes






 

Söhne der Luna 01

Lara Wegner



ISBN: 978-3-940235-87-9

Erschienen: April 2010

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 360 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

In Madame Chrysanthemes Haus werden die Wünsche und Sehnsüchte der Höflinge des Königs nach Laster und Sinnlichkeit mit höchster Professionalität erfüllt. Nicht zuletzt verdankt das exklusive Etablissement seinen hervorragenden Ruf der jungen Florine, die als rechte Hand der Chefin die Geschäfte führt. Nachdem Florine jedoch versehentlich den Werwolf Cassian de Garou aus einer höchst prekären Situation befreit hat, gerät ihr Leben völlig aus den geregelten Bahnen. Der Clan der Werwölfe führt einen Jahrtausende alten Kampf gegen einen Gegner, der auch den Vampiren zu schaffen macht. Eine alte Fehde verhindert jedoch ein gemeinsames Vorgehen der Werwölfe und Vampire gegen den Feind. Florine gerät in diesen Schmelztiegel aus Macht und Ehre, der sie fast zerreißt. Denn auch ihr Schicksal ist in die Ereignisse verwoben und sie muss sich Tatsachen stellen, die sie nie vermutet hätte. Hinzu kommt, dass ein mächtiger Vampir Anspruch auf sie erhebt, ebenso wie der nicht minder gefährliche Cassian de Garou.

 

Leseprobe

 

»Aber er beißt ja gar nicht zu.«

»Er muss sich erst an sie gewöhnen. Vielleicht ist er aber auch nicht ganz überzeugt und hält sie der Unsterblichkeit für unwürdig.«

Saint-Germain packte Florines Nacken und drückte zu. Der ungnädige Griff löste Schwindel aus. Ihre Knie mussten sich beugen. Saint-Germain presste sie gegen den Gefesselten. Sein Vorgehen war zu grob, um mit einem Scherz abgetan zu werden. Selbst seine Worte ergaben einen furchtbaren Sinn.

»Koste von ihr. Du willst es. Du hast großen Hunger. Stille ihn.«

Größer als jeder Hunger war Florines Angst, als der Gefesselte den Mund öffnete. Aus den Augenwinkeln nahm sie etwas wahr, das es nicht geben konnte. Weiße Zähne, ein kräftiges Gebiss und das Unfassbare daran: Er besaß Fänge! Zwei kleine Spitzen unten, zwei größere oben. Nie zuvor hatte sie so etwas gesehen, und ihr Wunsch danach war nicht vorhanden. Die Situation war ernster als gedacht, am Ende gar tödlich. Es gab nur einen Ausweg. Sie packte die Silberkettchen, zog sich mit einem Ruck an den Gefesselten heran und setzte sich seinen Fängen aus. Sehen konnte sie sie nicht mehr. Sie hatten sich auf ihre Halsbeuge gesenkt.

»Ich kann deine Ketten lösen, wenn du die Hände höher hebst. Ich kann es, aber du darfst mir nichts tun.« Die Worte überschlugen sich in ihrer Panik.

Trotz des aufgeregten Getuschels der Gäste hatte er verstanden. Er zog den Kopf zurück und hob die Hände. Die Straffung seiner Eisenketten ließ nach. Es musste schnell gehen, ehe Saint-Germain etwas ahnte und eingreifen konnte. Die Ketten umfassend  stieß sie sich von der Wand ab. Ihr Körper schoss nach oben und spannte sich. Für einen Lidschlag hing sie schwerelos in der Luft. Jetzt! Ihre Handgelenke drehten sich kraftvoll. Die Ketten gerieten in Schwingung. Rasselnd schleuderten die beiden runden Glieder durch die Spiralen und rutschten heraus. Ein Luftzug hob ihre Röcke. Der Mann tauchte unter ihr durch, noch ehe sie am Boden aufkam. Zurück blieb die samtene Wandbespannung, gegen die sie sank. Hinter ihr setzte Tumult ein.

»Er ist frei!«

»Schützt die Damen!«

»In die Ecke, duckt Euch!«

Schrill kreischten die Damen in die Männerstimmen hinein. Saint-Germain übertönte alle anderen.

»Ich erschieße ihn! Keine Panik!«

»Ein Querschläger gefährdet uns alle! Zieht die Degen!«

»Eure Degen helfen nichts!«

Es klirrte und rasselte. Schalen krachten zu Boden. Der schwere Tisch kippte mit ohrenbetäubendem Donner. Den Aufruhr, den sie ausgelöst hatte, konnte sie nur hören, nicht sehen. Sie kämpfte ihren eigenen Kampf mit den Silberkettchen, die stabiler waren als sie aussahen. Ihr Bedürfnis nach Flucht wurde übermächtig. Panisch zerrte und riss sie, stemmte sich gegen die Wand, warf ihren Körper zurück. Über ihre Angst vergaß sie das soeben ausgeführte Kunststück. Sie musste es wiederholen. Keuchend hielt sie inne, sammelte die letzten Kraftreserven und sprang. Beim ersten Mal versagte sie. Ihr zweiter Sprung schickte sie rücklings zu Boden. Endlich war sie frei. Hastig rollte sie herum, wollte aufspringen und wurde von einem Eisenband, das sich um ihre Leibesmitte legte, daran gehindert. So sehr sie mit den Armen ruderte, einen Halt fand sie nicht.

»Nein!«, begehrte sie laut auf.

Kurz darauf hing sie mit dem Kopf nach unten über einer Schulter, die sich unangenehm in ihren Magen bohrte. Der Raum wurde zu einem Karussell. Farbenprächtige Roben tauchten in einer Ecke auf und verschwanden wieder. Speisen am Boden und ein umgestürzter Tisch, dann Saint-Germain, dessen Pistolenmündung direkt auf ihr Gesicht gerichtet war.

»Nicht schießen!«, rief  sie und kreuzte die Arme über dem Kopf.

Der erwartete Schuss, der sie ins Jenseits schicken würde, blieb aus. Das Nächste, was sie sehen konnte, waren die Steinfliesen des Ganges. Lange Ketten schleiften darüber. Der Befreite rannte auf die Treppe nach oben zu, ins Vestibül.

»Vorsicht! Geht in Deckung!«

Um Madame Chrysantheme und die Mädchen zu warnen, schrie sie aus vollen Lungen. Schrilles Kreischen war das Resultat eines Spurts durch das Vestibül und in den Vorhof hinaus. Ein letzter Blick auf Lucas war ihr vergönnt. Er saß auf dem Hosenboden und blutete aus der Nase. Sie streckte die Arme nach ihm aus, obwohl es nichts half und sie Lucas nicht mehr sehen konnte.

»Bei Gott, wohin will er mit ihr?« Sie hörte seine Stimme durch das Geschrei der Mädchen.

Wenn sie das nur wüsste. Was sie wusste war, dass sie ihr Leben verwirkt hatte. Achtzehn viel zu kurze Jahre, in denen ihre Liebschaft mit Lucas ein eher mittelmäßiger Höhepunkt war. So viel hatte sie geplant, und nichts davon sollte sich erfüllen. Ob dieses Unrechts begann sie wild zu kreischen und auf den nackten Rücken, über dem sie hing, einzuschlagen.

 


Es hatte etwas von einem Fieberwahn. Ein Mann in Schurz und Ketten schleppte sie auf der Schulter durch den Ort Versailles. Die Fackeln an den Toreinfahrten waren die einzigen Zeugen der Entführung. Ein anregendes Nachtleben bot der Ort nicht, in dem die Häuser der Aristokratie standen, nahe genug, um jederzeit den Sitz des Königs aufzusuchen. An den Mauern ihrer Besitztümer prallte jeder Wutanfall ab. Keine Menschenseele hielt es für nötig, der Ursache lauter Schreie nachzugehen.

Ihr Rock war bis zu den Kniekehlen hinaufgerutscht. Über ihre Waden strich die Brise einer lauen Sommernacht. Ihre Beine wurden taub, da sein Arm zu fest um ihre Knie gespannt war. Noch immer hing sie kopfüber auf seiner Schulter, deren Druck in ihren Magen schmerzhaft wurde. Der Wahnsinnige – mittlerweile ging sie davon aus, es mit einem entflohenen Insassen der Irrenanstalt Bicêtre zu tun zu haben – rannte immer weiter, nahm eine unbelebte Straße nach der anderen. Die dissonante Melodie springender Ketten auf dem Kopfsteinpflaster begleitete seine Flucht. Als die wenigen Lichter von Versailles schließlich in der Nacht verschwanden, gab sie ihre Hilferufe auf. Ihr Hals schmerzte und ihr war übel.

Aus dem Rennen wurde ein gleichmäßiger Lauf, der ihren Kopf zu einem haltlosen Pendeln zwang. Je größer die Distanz zu Versailles, je dunkler die Landstraße wurde, desto gewaltiger wollte sich ihr Zorn Bahn brechen. Mit aller Kraft schlug sie ihre Fäuste in das breite Kreuz ihres Entführers. Das Resultat waren schmerzende Fingerknöchel. Ebenso gut hätte sie auf eine Wand einschlagen können. Nach einer Weile war sie wieder zu Atem gekommen, um ein Bombardement an Schimpfworten herauszukeifen.

»Halt die Klappe«, fuhr er sie rüde an.

»Halt die Klappe?« Ihre Stimme kippte. »Du verfluchter Bastard. Lass mich sofort runter! Ich habe dir geholfen, und das soll der Dank sein? Mir ist schlecht! Ich spucke dir über den Rücken, wenn du mich nicht sofort absetzt!«

Unbeirrt lief er weiter, tiefer in die Nacht hinein, die sie von allen Seiten umgab. Florine konnte kaum die Landstraße erkennen, so dunkel war es. Eine schwere Hand traf auf ihr Hinterteil. Dort blieb sie liegen und drückte zu. Florine schrie auf.

»Lass das! Nimm deine Hand da weg, oder ich kratze dir die Augen aus!«

Leise lachte er über ihr hilfloses Zappeln. Sie fixierte seinen festen Hintern unter dem Schurz und überlegte, ob sie die Fingernägel hineinbohren sollte. Dann kam sie zu dem Schluss, es zu unterlassen und es lieber mit Vernunft zu versuchen.

»Weshalb belastest du dich überhaupt mit mir? Ohne mich könntest du schneller verschwinden. Das ist unlogisch.«

»Die Schwäche eines Jägers liegt darin, dass er von seiner Beute schwer ablassen kann.«

»Was für ein Jäger soll das sein, der eine Frau zur Beute erklärt? Ah, ich ahne es. Saint-Germain holte dich aus dem Irrenhaus und hat dir etwas eingeredet. Jetzt hältst du dich für einen Vampir oder so etwas Ähnliches. Also, eines kann ich dir versichern …«

»Redest du immer so viel?«