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Kassandras Träume






 

Elke Meyer



ISBN: 978-3-940235-06-0

Erschienen: Jun. 07

Preis: 16,50 Euro

Broschiert, 228 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Julia und Sofie sind Zwillingsschwestern, innig verbunden und dennoch unterschiedlich. Sofie besitzt die außergewöhnliche Gabe des Hellsehens. Ungläubig steht Julia den Aussagen ihrer Schwester gegenüber, die ihren eigenen Tod voraussieht und ihrer Schwester das Scheitern der gegenwärtigen Beziehung sowie die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Mann, ihrer großen Liebe, prophezeit. Ein fesselnder Roman mit Gänsehautfeeling. 

 

Leseprobe

 

 


Der zerknüllte Zettel in meiner Hand erinnerte mich wieder an mein Versprechen, das ich Sofie einst gegeben hatte und das es nun einzulösen galt. Sofie! Noch immer meinte ich das glockenhelle Lachen meiner Schwester zu hören, als wäre es erst gestern gewesen. Nun lebte sie nur noch in meiner Erinnerung. Seufzend steckte ich den Notizzettel in meine Manteltasche zurück.


Heute war ich fest entschlossen, das Versprechen zu erfüllen und das Vorhaben in die Tat umzusetzen. In den letzten Tagen hatte ich aus Zeitmangel alles verschieben müssen. Nur der Notizzettel an der Pinwand, der Sofies Namen trug, hatte mich täglich daran erinnert, dass man ein Versprechen einzuhalten hat.


Zielstrebig überquerte ich die Straße, um zu einem der Läden zu gelangen, die sich in einer Reihe von Altbauten des 19. Jahrhunderts befanden, was dem Ganzen einen nostalgischen Touch verlieh. Direkt daneben befand sich eine von vielen Großbaustellen, die in Berlin zu einem gewohnten Anblick geworden waren. Ein riesiger Baukran und Bauwagen, wegen des schlechten Wetters verwaist, rundeten das Bild ab. Wie viel hatte sich in den letzten Jahren, vor allem nach dem Mauerfall verändert - so wie in meinem Leben.


Es war bereits Anfang Dezember und in diesem Jahr herrschte eine bittere Kälte, die selbst die der vergangenen Jahre übertraf.


Eigentlich war es schon sehr spät für den Kauf eines Adventsgestecks, aber ich hatte es Sofie vor langer Zeit versprochen. Besser zu spät als nie, dachte ich und stapfte im Eiltempo durch den dichten Schnee, der meine Schritte wie Watte dämpfte. Als ich den Blumenladen vor mir erkannte, über dessen Eingangstür in großen Lettern `Juttas Blumeneck` prangte, seufzte ich erleichtert. Meine Wollmütze war verrutscht und ich zog sie vom Kopf.


Für einen Moment blieb ich vor der Schaufensterscheibe des Blumenladens stehen, um  noch einmal einen prüfenden Blick auf meine Erscheinung zu werfen, bevor ich den Laden betrat. Mein schulterlanges, braunes Haar war durch den einsetzenden Schneefall feucht geworden und kräuselte sich auf meinem Mantelkragen. Ich zupfte die kleinen Eiskristalle heraus. Jedenfalls war heute kein Rouge für meine Wangen erforderlich, da die Kälte für die rosa Farbe sorgte. Meine Lippen hatten unter den niedrigen Temperaturen gelitten und sahen spröde aus.


Große, braune Augen, von langen Wimpern umrahmt, blickten mir entgegen. Sofie hatte meine Augen immer bewundert und zu mir gesagt, dass sie besonders schön und geheimnisvoll wirkten. Ach, Sofie, dachte ich und seufzte. Da fiel mir wieder ein, dass sie schließlich der Anlass für den Besuch in diesem Laden war. Ohne weiter zu zögern, drückte ich die Türklinke nach unten und trat ein.


Der intensive Duft von Tannennadeln und getrockneten Früchten, gemischt mit dem Blütenaroma von Schnittblumen, lag in der Luft und weckte sehnsüchtige Erinnerungen an glückliche, unbeschwerte Zeiten.


Sofie und ich hatten die Adventszeit immer besonders gemocht. Wehmütig dachte ich daran zurück, wie wir damals jedes Jahr zusammen im Wohnzimmer gesessen und den Adventskranz gebunden hatten. Wir hatten dabei ununterbrochen  gelacht und gescherzt. Wenn wir zu übermütig geworden waren, hatte unsere Mutter gefragt, worüber wir eigentlich so lachten. Geheimnisvoll hatten meine Schwester und ich uns daraufhin angesehen und ein weiteres Lachen war gefolgt. Kopfschüttelnd hatte meine Mutter gestöhnt: „Oh, diese Mädchen, nur Unsinn im Kopf.“


Wie sehr sehnte ich mich nach dieser friedvollen Zeit meiner Jugend zurück. Nun stand ich in diesem Blumenladen und wollte meiner Schwester ein Adventsgesteck kaufen. Unschlüssig blickte ich mich um, bis eine junge, brünette Verkäuferin mit Nickelbrille auf mich zutrat, mich begrüßte und nach meinem Wunsch fragte.


„Vielen Dank, dass Sie mir helfen möchten. Ich suche ein Adventsgesteck, das sich auch bei schlechter Witterung hält“, erklärte ich ihr.


Sie sah mich einen Moment verständnislos an und meinte freundlich, wenn auch mit einem Unterton, der verriet, dass sie mich für verrückt hielt: „Soll denn der Adventskranz nur Wind und Regen aushalten oder vielleicht auch einen schweren Schneesturm?“


Mir entging nicht das ironische Lächeln auf ihren zu schmalen und blassen Lippen. Die meisten Menschen hielten mein Verhalten für verrückt, aber daran hatte ich mich gewöhnt.


„Ich möchte es Ihnen noch einmal erklären: ich brauche einen Adventskranz, der die Wetterbedingungen auf einem Friedhof erträgt. Habe ich mich nun klar genug ausgedrückt? Also haben Sie nun so etwas in Ihrem Laden oder nicht?“ Ich war gereizt, weil mich ihr ironisches Grinsen ärgerte. Sie hob die Augenbrauen, drehte sich um und bat mich, ihr in den hinteren Bereich des Ladens zu folgen. Vor einem Regal blieb sie stehen und deutete auf die darin befindlichen Grabgestecke. Es waren Gestecke, die zu Anlässen wie Totensonntag oder Beerdigungen gedacht waren, aber für die Adventszeit völlig ungeeignet. „Ich glaube, Sie haben mich immer noch nicht richtig verstanden. Meine Suche bezog sich auf einen Adventskranz für ein Grab. Wenn Sie keinen im Laden haben, würden Sie mir eventuell kurzfristig einen binden?“


Die Verkäuferin spitzte ihre Lippen und wollte wohl eine freche Antwort geben, als sich die Eigentümerin des Ladens ins Gespräch einmischte und mir erläuterte, dass sie selbstverständlich auch kurzfristig einen Kranz nach meinen Wünschen fertig stellen würden. Erfreut stimmte ich zu, und sie erteilte der Verkäuferin entsprechende Anweisungen.


Innerhalb einer halben Stunde war der Adventskranz tatsächlich zu meiner Zufriedenheit gebunden. Daher trat ich an die Kasse, um zu bezahlen. Die brünette Verkäuferin von vorhin stand mit einem arroganten Lächeln hinter dem Tresen und tippte den Betrag in die Kasse.


 „Was für ein morbider Advent“, sagte sie schnippisch und nahm das Geld entgegen.


Dumme Gans, dachte ich, schob das Geld wortlos über den Ladentisch und schnappte mir den Kranz, um so schnell wie möglich das Geschäft verlassen zu können. Unter lautem Gelächter, das hinter mir erfolgte, schloss ich energisch die Tür.