Klappentext
Aurelia Mai ist Kunst-Dozentin, liebt Akt-Malkurse, Wortwitz und psychologische Ferndiagnosen. Als sie Robert Wolfstein begegnet, verliebt sie sich Hals über Kopf. Er - Architekt, neurotisch, testosteronblaue Augen - wurde soeben reichlich derangiert und geläutert aus einer spektakulären Beziehung entfernt, was zwar jede Menge zwischenmenschlicher Komik nach sich zieht, die Sache aber für Aurelia nicht gerade leicht macht. Niemals war Aurelia der Ansicht, dass Männer kompliziert sind, schließlich ist es doch nur eine Frage der richtigen Handhabung. Robert aber erweist sich als besonders kontraproduktiv, was diese Theorie erheblich ins Wanken bringt. Doch da entdeckt Ria eine vielversprechende Anzeige in der Zeitung, die eine Wende bringt. „Haus Kussmühle“, ein Wellness-Domizil mit erstaunlich innovativen Kursangeboten, hält allerlei Überraschungen bereit, nicht nur für Helden im Schlafrock. Lachen ist gesund, suggeriert diese Lektüre und liefert reichlich Stoff dafür gleich mit. Ein erfrischend anderer Frauenroman mit lehrreichen Tipps.
Leseprobe
Meister Kleist gesellte sich zu mir, und wir besprachen den morgigen Kurstag. Ich erfuhr, dass Jenny keine Zeit haben und ein männliches Aktmodell für sie einspringen würde.
„Oh!“, sagte ich erfreut. „Man darf gespannt sein. Das sind ja mal schöne Aussichten auf einen abwechslungsreichen Sonntag. Woher kennst du ihn?“
„Ist ’ne Empfehlung von einem Graphiker, keine Ahnung, ich habe den Mann noch nie gesehen.“
Am nächsten Morgen traf die Gruppe sich gleich unten auf dem Parkplatz. Wir stellten uns zu einem Kreis und flachsten ein wenig über die bevorstehende Arbeit am maskulinen Element. Dr. Knall hatte eine riesige Thermoskanne mit Pflaumenpunsch dabei und goss jedem großzügig davon ein, als ein brauner Renault in die Hofeinfahrt einbog. Ich glotzte über meinen Tassenrand hinweg auf die Limousine, hinter deren verschmierter Windschutzscheibe ich ein nur allzu bekanntes Gesicht entdecken musste.
„Kurth Felix“, flüsterte ich geschockt und verschluckte mich postwendend.
Der Gute hatte wohl in seinen Erzählungen einige Nebenbeschäftigungen unterschlagen. Fröhlich stieg Kurth aus seinem Wagen und fragte Frau Knall nach dem Kursleiter. Ich wich zwei Schritte zurück und verbarg mich hinter Rudi, dem Rentner. In der Kürze der Zeit wog ich drei Möglichkeiten ab, wie ich am besten reagieren könnte:
a.) Ich gebe mich völlig cool und tue so, als ob ich ihn nicht kenne, was in Anbetracht unseres natürlich gewachsenen Bekanntheitsgrades völlig schwachsinnig ist.
b.) Ich gebe mich cool und zeige mich angenehm überrascht: „Du hier? Das ist ja lustig! Lass uns später noch ein paar Takte quatschen!“ Was gefährlich ist, denn dann hab’ ich den Mann wieder an der Backe.
c.) Ich übersehe ihn geflissentlich und mache mich unauffällig aus dem Staub, was total bescheuert wäre, denn die Kursgebühren samt Kosten für die Malgegenstände waren horrend.
Ich entschied mich für Lösung b. Ein wenig unsicher wagte ich mich aus Rudis Dunstkreis hervor und lächelte prophylaktisch freundlich. Hoffentlich machte Kurth sich jetzt nicht aus dem Staub, und wir stünden ohne Modell da.
„Mensch, Ria, das ist ja 'ne tolle Überraschung!“
Kurth kriegte sich gar nicht ein vor lauter Freude.
„Ach, Kurth! Nett, dich zu sehen. Jaja, ich bin hier im Aktkurs mit von der Partie. Wusste gar nicht, dass du etwas für Kunst übrig hast.“
„Na ja, ehrlich gesagt, geht es mir in erster Linie um einen Zusatzverdienst. Ist doch ’ne schöne Sache, man setzt sich, und wenn man wieder aufsteht, wird man dafür bezahlt.“
Das war der Hammer! Kurth schien unser Zusammentreffen in diesem delikaten Rahmen in keiner Weise aus dem Konzept zu bringen. Zutraulich marschierte er neben mir die Metalltreppe nach oben ins Atelier. Dort wies Gregor ihn in seinen Arbeitsplatz ein.
„Hier hinten kannst du ablegen, gegenüber ist eine Toilette.“ Wie peinlich, einem ohnehin in Bälde Nackten auch noch die Toilette ans Herz zu legen. „Und hier ist dein Podest, da mach es dir gleich bequem.“
Gregor witzelte erwartungsfroh, Kurth lachte gutgelaunt und verschwand im Nebenzimmer. Jetzt hatte ich nur noch eine kurze Galgenfrist, um meine Nervosität in den Griff zu kriegen. Schließlich lernte man nicht alle Tage einen Nur-Knutschfreund von seiner splitterfasernackten Seite kennen. Das entbehrte nicht einer gewissen Komik. Nichtsdestotrotz würde nun ans Licht kommen, was mir seinerzeit so befremdlich erschienen war.
Die Tür ging auf, und Kurth trat ein. Ich behaupte guten Gewissens, dass es nicht möglich war, geflissentlich über die Zone hinweg zu blicken, die einen Mann zum Manne macht. Nun weiß ich, was es mit dem Begriff Gemächt auf sich hat. Hier hatten wir es mit einem astreinen solchen zu tun, mein lieber Schwan! Jetzt ist mir auch sonnenklar, welches Vierkantholz im Walde des Naturburschen beheimatet ist. Ich möchte wetten, auch Sie haben so etwas noch nicht gesehen. Die Formenvielfalt des Herrn ist in der Tat unerschöpflich.
Kurth lächelte entwaffnend zu mir herüber, schlenkerte seine Auswüchse zwanglos durch die Atmosphäre und begab sich dann in eine erste Position, von mir aus betrachtet eine Profilansicht. Sugar in the morning!
Ich deutete ein professionelles Winken an und grinste schräg über meine Malpalette hinweg, wobei mein Blick betont diszipliniert seinem Augenkontakt standhielt. Endlich ging man an die Arbeit, so dass eine der Situation gebührende Ernsthaftigkeit aufkam und auch von mir Besitz ergriff.
Frau Dr. Knall gab sich gar nicht verklemmt und begann ihre Linienanalysen des ersten Aktes im fruchtbaren Gebiet. Im Gegensatz zu dem übrigen Kerl, der eher schwach skizziert war, zeichnete sie mittig ein gar nicht zimperliches Fortpflanzungsorgan in kräftigen Strichen von erstaunlich hoher dreidimensionaler Qualität. Ha, die Knall war entlarvt! Dies hatte nichts mehr mit einer rein ärztlichen Sicht zu tun.
Gregor gab Kurth das Zeichen zum Posenwechsel. Das Modell lehnte sich mit dem Rücken zur Wand, drehte seine Beine in meine Richtung und öffnete sie zu einer Sitzposition, die ich einen einbeinigen Schneidersitz nennen würde.
Mein Gott, also, musste das sein? Die delikate Haltung brachte mich erneut aus der Fassung. „Möchte jemand Tee?“
Ich eilte zum Wasserkocher. Ablenkung war das Gebot der Stunde. Dabei pfiff ich sicherheitshalber eine kleine Weise aus irgendeinem klassischen Opernstück, eine solche Intervention hebt oftmals das Niveau ganz erheblich.
Als ich mit meiner dampfenden Tasse zu meiner Staffelei zurückgekehrt war, blickte mir Kurths wohlproportioniertes Hinterteil entgegen. Gott sei Dank, die Wende! Ich warf eine schnelle Skizze aufs Papier, bereits entschlossen, jene unverfänglichste aller Posen als Hauptmotiv dieses letzten Kurstages in Farbe zu gestalten. Ein wirklich schöner Po. Vielleicht sollte ich mich doch noch einmal von Kurth zu einem Abendessen einladen lassen. Man wird sehen.
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