Klappentext
Magerquark zum Frühstück käme für Tamara nur in einer Hungersnot in Frage. Sie ist mollig und zufrieden, auch wenn ihre ständig diätende Kollegin Corinna sie manchmal in den Wahnsinn treibt. Aber mit einem Stück Kuchen und Lover Fabian, der ihre weiblichen Formen zu schätzen weiß, genießt sie das Leben dennoch. Einziger Wermutstropfen: Fabian ist nicht bereit seine Frau zu verlassen.
Sänger und Sexsymbol Benjamin, den die Werbefirma, in der Tamara arbeitet, für ihre neueste Kampagne engagiert, passt so gar nicht in ihr Leben. Er ist mit Hungerleiderin und Magerquark-Expertin Caro liiert. Doch irgendwann sieht sogar Benjamin ein, dass es Wichtigeres gibt als einen makellosen Körper und wird damit ein ernstzunehmender Konkurrent für den selbstsicheren Fabian. Doch Caro hat auch noch ein Wörtchen mitzureden ...
Mit Witz und Ironie erzählt die Autorin von Tamaras Berg- und Talfahrt mit zwei völlig verschiedenen Männern in der modernen Welt der Äußerlichkeiten und Diätbotschaften.
Leseprobe
Welcher Vollidiot hatte eigentlich festgelegt, die Wochenbesprechung ausgerechnet montags um neun abzuhalten?
Tamaras Schädel brummte wie ein kaputter Rasenmäher und sie konnte nur mit größter Mühe ihre Augen offen halten. Vielleicht hätte sie sich gestern Abend doch nicht bis nachts um drei die komplette letzte Staffel von ‚Sex and the city’ ansehen sollen. Stöhnend griff sie nach ihrer Tasse mit der Aufschrift ‚Ich eskaliere gleich’ und setzte die Espresso-Maschine in Gang. Diese Zusammenkunft der Hauptstadt-Werbefirma war jedes Mal das Treffen der Zombies – mit Ausnahme ihrer stets munteren und vor Tatendrang schier platzenden Chefin Frau Hartmann. Die zappelige Dame musste mindestens zehn Duracell Batterien im Rücken stecken haben, während Tamaras Akku dringend mal wieder aufgeladen werden musste.
Tamara sah aus halb geschlossenen Augen zu, wie der Kaffee in ihre Tasse tropfte und beeilte sich dann, in den Konferenzraum zu gelangen, denn sie war spät dran. Hier bot sich ihr das gewohnte Bild am Montag: Der Rest der fünfzehnköpfigen Mannschaft hing übermüdet in den Seilen. Mit Ausnahme von Frau Pressesprecherin Hartmann natürlich, die gerade schwungvoll ein paar Zettel verteilte.
„Na, Frau Westhof, auch schon da?“, wurde Tamara mit nicht zu überhörendem Vorwurf begrüßt. „Wissen Sie eigentlich, wann ich heute Morgen auf den Beinen war?“
„Ich schätze mal, um halb sechs.“ Tamara unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen. „Da habe ich noch zwei Stunden tief und fest geschlafen.“
Auf Frau Hartmanns Stirn bildete sich eine steile Falte.
„Setzen!“, sagte Udo streng. Tamara gehorchte.
„Jetzt hast du mein Brötchen platt gewalzt“, zischte ihr Corinna, die Sekretärin der Presseabteilung, wütend zu. „Steh sofort wieder auf!“
„Sorry, aber ich konnte ja nicht wissen, dass du seit neuestem Lebensmittel zu dir nimmst“, flüsterte Tamara und erhob sich. Wütend riss ihr Corinna eine Tüte mit einem Brötchen, das nun wie eine Flunder aussah, unter dem Hintern weg.
Frau Hartmann klopfte mit ihren knochigen Fingern energisch auf den Tisch.
„So, meine verehrten Kollegen, wir steigen gleich mal voll ein“, rief sie enthusiastisch und raschelte emsig mit ihren Papieren. „Sie erinnern sich vielleicht noch dunkel an unsere Kampagne ‚Stars für Berlin’ – auch, wenn das Wochenende dazwischen lag. Wir brauchen einen sympathischen Werbeträger, der kommuniziert, dass Berlin eine lebenswerte Stadt ist. Ich habe eine Überraschung für Sie: Wir haben einen wirklichen ‚Star für Berlin’ gefunden.“
Fabian, der durchtrainierte Eventmanager, in den alle weiblichen Kolleginnen heimlich verliebt waren und mit dem Tamara seit einem Jahr eine wilde Affäre hatte, stieß Tamara an.
„Die ist ja noch agiler als sonst“, flüsterte er grinsend. „Bestimmt hat sie heute Morgen nicht auf ihrem Heimtrainer gesessen, sondern ein Nümmerchen mit ihrem Mann geschoben. Den Karnickel-Marsch kann ich mir lebhaft vorstellen. Auf die Plätze, fertig – los! Beim Hartmännchen muss doch immer alles zackig gehen.“
Tamara kicherte.
„Herr Limbach, haben Sie irgendetwas Konstruktives zu unserer Morgenrunde beizutragen, das wir alle wissen sollten?“, erkundigte sich Frau Hartmann, die zu allem Überfluss auch noch Ohren wie ein Luchs hatte.
„Nö.“ Fabian gähnte herzhaft. „Dafür ist es definitiv noch zu früh.“
Frau Hartmann zog ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen missbilligend hoch und schüttelte den Kopf.
„Ich muss mich doch immer wieder wundern. Es ist neun Uhr und Sie befinden sich immer noch in Trance. Was ist denn das für eine Generation? Wissen Sie, was ich heute schon alles hinter mir habe?“
Die jungen, müden Menschen tauschten viel sagende Blicke. Alle wussten, was nun folgen würde. Und sie wurden nicht enttäuscht.
Madame Hartmann war wie üblich um halb sechs aufgestanden, hatte beim Treten auf ihrem Heimtrainer gleichzeitig den Tagesspiegel gelesen, dann bei geöffnetem Fenster ein paar Gymnastikübungen absolviert, sich mittels Nachrichten darüber informiert, was in der Welt vor sich ging, ein gesundes, biologisch wertvolles Frühstück zu sich genommen und dabei mit ihrem Gatten eine angeregte politische Diskussion geführt. Danach hatte sie gut gelaunt die Pressemitteilung für den heutigen Tag vorbereitet und wirbelte seit acht Uhr durchs Büro, wo sie schon mehr geschafft hatte als die gesamte Mannschaft in einer ganzen Woche.
Die Werbeexperten kannten diesen Tagesablauf so genau, weil Frau Hartmann nicht müde wurde, ihren Kollegen bei jeder Gelegenheit unter die Nase zu reiben, was für ein energiegeladenes Leben sie auch mit Mitte Fünfzig, die man ihr, zumindest von weitem, natürlich nicht ansah, noch führte. Sie konnte jede Zwanzigjährige locker in die Tasche stecken.
„Meine Güte, Frau Hartmann, wo nehmen Sie nur diese Energie her?“, fragte Corinna bewundernd. Frau Hartmann lächelte geschmeichelt. „Ich meine, Sie sind ja auch nicht mehr die Jüngste“, fuhr Corinna unbekümmert fort.
Frau Hartmanns Lächeln erstarb. „Haben Sie eigentlich schon den Pressetext über unseren freundlichsten Metzger getippt?“, wandte sie sich an Corinna. „Der muss dann übrigens noch in Englisch und Französisch übersetzt werden. Ach ja, und am besten auch noch in Japanisch, Arabisch und Chinesisch. Wenn Sie das bitte veranlassen könnten?“ Corinna sah aus, als hätte sie in eine besonders saure Zitrone gebissen. „Aber zurück zum Thema, zu unserem ‚Star für Berlin’. Ich habe die Zusage gestern Abend bekommen. Er ist der Megastar überhaupt und im Moment überall auf Platz Eins. Also, meine lieben Kollegen, halten Sie sich fest! Es handelt sich um ...“ Der Trommelwirbel in ihrem Gehirn war ihr förmlich anzusehen.
Corinna raschelte mit ihrer Brötchentüte und sah den Inhalt verzweifelt an. Tamaras dicker Hintern hatte wirklich ganze Arbeit geleistet.
„Benjamin Parker!“, rief Frau Hartmann mit überschnappender Stimme. Keine Reaktion. Die Kollegen schienen wirklich alle noch vor sich hin zu dämmern.
„Lass mich mal von deinem Brötchen abbeißen“, sagte Fabian in die Stille hinein zu Corinna.
Frau Hartmann schwoll an. „Benjamin Parker!“, rief sie noch einmal überschäumend und sah sich Beifall heischend um.
Endlich erwachten die Kollegen aus ihrer Lethargie.
„Benjamin Parker? Das glaube ich nicht“, sagte Nikola und wackelte mit dem Kopf. „Der macht das nie. Warum sollte er? Er ist ein Superstar, der hat das doch gar nicht nötig.“
„Da hat sich sicher jemand einen Scherz erlaubt“, glaubte Udo. „Warum sollte so jemand eine popelige Agentur unterstützen?“
„Interessant, was Sie von der Agentur halten, für die Sie arbeiten“, sagte Frau Hartmann schmallippig. „Herr Parker tut das offenbar nicht. Er ist Wahlberliner und tritt in drei Wochen am Brandenburger Tor auf. Wir erhalten einen Mitschnitt, den wir für einen Spot verwenden können.“ Sie wedelte triumphierend mit einem Blatt Papier. „Hier habe ich es schwarz auf weiß. Die Zusage von seinem Management kam gestern Abend per Fax.“
Die müden Menschen wurden schlagartig munter und rissen sich gegenseitig das Fax aus den Händen.
„Wow!“, schrie Corinna, deren Gesicht wie im Fieberwahn glühte. „Sehen wir ihn dann auch mal? Ich meine, kommt er hierher zu uns? Der Typ ist so verschärft, den muss ich unbedingt mal aus nächster Nähe betrachten.“
„Bitte keine hysterischen Fan-Aktionen“, befahl Frau Hartmann, deren Stirnfalte jetzt so tief war, dass auch eine Ladung Botox nichts mehr genützt hätte. „Wir sind schließlich Profis und kommunizieren mit Herrn Parker auf Augenhöhe. Die Drehs zu den einzelnen Spots finden natürlich draußen statt, aber für eine erste Besprechung sollte er zu uns kommen.“
Corinna klatschte begeistert in die Hände und hatte ihr derangiertes Brötchen anscheinend vergessen. Wenn dieser Supertyp tatsächlich hier aufkreuzte, würde sie bis zu seinem Besuch sowieso nichts mehr essen. Endlich einmal eine Kampagne, die ganz nach ihrem Herzen war.
Die zurück liegenden Kampagnen waren eher unspektakulär gewesen. ‚Freunde für Berlin’ hatte generell die Aufgabe, das Image der Hauptstadt zu verbessern und wurde finanziell vom Senat und namhaften Firmen aus der Wirtschaft gesponsert. Monatlich hatte die Auszeichnung des ‚freundlichsten Berliners’ stattgefunden: ‚Der freundlichste Verkäufer’, (in der Servicewüste Deutschland schwieriger aufzutreiben als eine Stecknadel im Heuhaufen) ‚Der freundlichste Busfahrer’, (noch schwieriger, denn in Berlin waren alle Busfahrer unfreundlich) und viele andere freundliche Menschen, die beweisen sollten, dass es in der Hauptstadt nicht ausschließlich griesgrämige Menschen gab.
Die Geschäftsleitung hatte vor ein paar Wochen beschlossen, dass Verkäufer und Busfahrer zwar ganz charmant waren, jedoch nicht wirklich einen bleibenden Eindruck hinterließen. Also musste ein prominentes Gesicht her, das für Berlin warb – und das war mit Benjamin Parker nun gefunden.
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