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Matala






 

Uli Wenzel



ISBN: 978-3-940235-05-3

Erschienen: Jun. 07

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 200 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Es sind die zu Ende gehenden siebziger Jahre in Westberlin. Nach einer grotesken Beziehung mit der Immobilienmaklerin Anette ist Lukas Eigenthor zurück in der Männer-WG bei seinen Kumpeln und sie widmen sich fortan wieder gemeinsam den wirklich wichtigen Dingen des Lebens: Fußball, Frauen und Feiern.
Ausgerechnet auf dem Flug in den Sommerurlaub nach Kreta, dem definitiven Höhepunkt des Jahres, lernt Lukas die zwei Jahre ältere Ärztin Isabelle kennen, die ihren Urlaub ebenfalls in Kreta verbringt, in einem Hotel an der Nordküste. Der Urlaub verläuft ganz anders als geplant. Lukas kann sich wieder einmal nicht entscheiden und versucht den Spagat zwischen den romantischen Abenden und Nächten mit der schönen und kultivierten Isabelle und den zünftigen Saufabenden mit seinen Freunden an Kretas Südküste.
Zurück in Berlin hat Lukas die Urlaubsbekanntschaft fast vergessen, als sich plötzlich Isabelle bei ihm meldet. Sie intensiviert jetzt die Beziehung ihrerseits und lässt nichts unversucht, Lukas aus dem Kreis seiner rustikalen Freunde herauszulösen. Lukas glaubt weiterhin, das eine mit dem anderen problemlos verbinden zu können. Es will nicht so richtig gelingen. Mit geistreichem Wortwitz und in charmanter Erinnerung an die Endsiebziger erzählt der Autor die Geschichte eines grundverschiedenen Paares, die sich in der realen Welt überall und zu jeder Zeit so abspielen könnte.

 

Leseprobe

 

Obwohl wir auf den letzten Drücker am Check-In erschienen, bekamen wir erstaunlicherweise noch drei fast zusammenhängende Plätze. Franky hatte die Bordkarte 28A, Cash 28B, direkt daneben, und ich 27C auf der anderen Seite des Ganges, direkt neben zwei Frauen. Meine Nachbarin für die nächsten drei Stunden hatte Format, das erkannte ich schon, als ich, noch etwas beleidigt darüber, getrennt von meinen Freunden sitzen zu müssen, vor meinem Platz stand. Format, aber scheinbar kein Interesse an mir, denn sie blätterte in einem Frauenjournal, ohne mich wahrzunehmen.

Die kühle Nummer, nach außen hin gelangweilt, innerlich höchstwahrscheinlich vor Flugangst fast implodierend. Sie hatte ihre schulterlangen blonden Haare hinter das Ohr gelegt. Ich fand das ausgesprochen aufregend. Natürlich konnte sie nicht ahnen, dass Ohren und Halspartien bei Frauen auf mich einen außergewöhnlichen Reiz ausüben, insbesondere im Zusammenhang mit dem Duft eines elektrisierenden Parfüms.

Nicht, dass ich keinen Blick für das Wesentliche hätte: Augen, Brüste, Beine, Hintern. Aber ich hatte irgendwo gelesen, wahrscheinlich in einer von Annettes unzähligen Frauenzeitschriften, die sich meterhoch neben dem Klo ihres überquellenden Badezimmers gestapelt hatten, dass Ohren charakterbildend seien.

Auf Charakter legte ich Wert. Schon meine Mutter gab mir den wohlgemeinten Ratschlag, ich solle unbedingt auf den Charakter einer Frau achten, Charakter zähle mehr als Aussehen, Geld und Intelligenz. Ich ging dann meistens doch den einfacheren Weg und achtete zuerst auf alles andere.

Es war tatsächlich ihr Ohr, mit dem sie Akzente setzte, nicht der silberne Hänger mit dem grünen Stein, da war ich mir absolut sicher. Ein hinreißendes Ohr, weich, mit klaren Konturen und einem zarten Läppchen, das nicht angewachsen war und auf dem ich winzige blonde Härchen erkennen konnte. Ich begann vorsichtig zu schnüffeln. Sie hatte ein extravagantes Duftwasser aufgelegt, exotisch verspielt. Um etliches aufregender als Annettes französisches Parfüm, das irgendwie nach verwelkten Sonnenblumen roch, aber Annette war ja am Ende auch nicht mehr besonders aufregend.

Den Seitenblick auf Franky und Cash hätte ich mir ersparen sollen. Ich zuckte zusammen, denn mir zeigten sich die Spuren unseres gemeinsamen Abends in einer kontrastreichen Momentaufnahme. Der Abend, der am Morgen gegen vier Uhr im Dschungel endete, verlief ausgesprochen intensiv. Ich hatte mir geschworen, am Abend vor der Reise nicht so viel zu trinken, zum Schluss waren es dann acht oder neun Null-Vier und unzählige Persikos geworden.

Das unrasierte Gesicht von Cash unter den dunkelblonden Haaren ähnelte einer Zeitung, auf der sich jemand eine Nacht lang herumgewälzt hatte. Franky sah noch um einige Nuancen derber aus. Sein Kopf erinnerte an einen dreißig Jahre alten Lederball, dem nach einem kräftigen Tritt mit einem Riesenknall die Luft entwichen ist. Er hatte seine Augen vorsichtshalber hinter einer zu großen Sonnenbrille versteckt, die er sich gestern noch für 14,99 Mark bei Woolworth gekauft hatte und die nach höchstens 3,99 Mark aussah. Ich sah diese Investition als eine kluge Entscheidung an. Auf dem Kopf trug er sein in die Jahre gekommenes Che-Guevara-Barett, was ihm unter normalen Umständen eine gewisse militärische Note verlieh, mit dem er jetzt aber mehr an eine Comic-Figur erinnerte, die von ihrem Zeichner, weil völlig missraten, unvollendet beiseite geschoben wurde. Die dunkelbraun gelockten Haare hatte er wie meine Nachbarin hinter die Ohren geklemmt, die bei Franky aber mehr eine Kombination aus Schweine- und Segelohren waren.

Als die Maschine abhob, hatte meine Nachbarin Haltung angenommen und starrte reglos auf den Vordersitz. Ihr Gesichtsprofil strahlte Sinnlichkeit aus. Eine mittelgroße Nase mit leichtem Haken, weich geformte Lippen und eindrucksvolle lange Wimpern. Die Hände wie zum letzten Gebet gefaltet.

Ich schloss die Augen.

Ich konnte nicht lange gedöst haben, denn ich verspürte immer noch diesen unangenehmen Steigdruck in den Ohren und musste schlucken. Ich blinzelte und bemerkte, dass meine Nachbarin ihre angespannte Gebetshaltung aufgegeben hatte und sich mit ihrer Freundin am Fenster unterhielt. Es ging um Nagellackentferner. Komischerweise hätte ich problemlos in ihr Gespräch einsteigen können, denn mit Nagellackentfernern kannte ich mich aus. Annette hatte mir einmal einen Vortrag über Nagellacke gehalten, als wieder einmal nichts im Fernsehen lief und ich mich dummerweise für das eigenartige Rot ihrer Nägel interessierte.

Das blecherne Klappern und Klacken der Catering-Container holte mich aus einer weiteren Kurzschlafphase zurück. Die gestrige Nacht forderte jetzt unweigerlich ihren Tribut. Ich gähnte laut, öffnete die Augen und starrte in das hübsche Gesicht meiner blonden Nachbarin. Intuitiv spürte ich, wie meine Gesichtsfarbe von hellbeige, so sah ich mich jedenfalls am Morgen im Spiegel, zu dunkelrot mutierte.

Sie machte sich anscheinend Gedanken über meinen etwas in-stabilen Zustand. Ich lächelte steif. „Ich glaube, es ist soweit“, sagte ich mit kehliger Stimme und nickte ihr beruhigend zu, „es müsste gleich etwas zu essen geben.“

„Ich würde gerne mal zur Toilette. Können Sie erkennen, ob hinten gerade eine frei ist?“

„Ach so.“ Ich hustete kurz und drehte mich um. Das grüne Lämpchen über der Toilette leuchtete.

„Hast du schon wieder Kohldampf, Alter?“ Eine Stimme wie von Rod Stewart nach fünf durchsoffenen Nächten. Cash hatte sich nach vorn gebeugt und grinste wie ein bis zur Unkenntlichkeit verschmortes Spanferkel vom Silbertablett.

„Kein bisschen.“ Ich drehte mich wieder zurück und lächelte meine Nachbarin an wie ein Politiker, der soeben von einem lästigen Zwischenrufer unterbrochen wurde.

„Ist gerade frei.“

„Wir sollten aber ein Pils nehmen.“ Cash gab keine Ruhe.

„Jetzt nicht, später vielleicht.“ Der erste Eindruck, den wir bei meiner Nachbarin hinterließen, war mir ausgesprochen peinlich. Sie schob sich wortlos an mir vorbei. Ihre weit geschnittene, weiße Bluse über einer roten Jeans korrespondierte beeindruckend mit der Farbe ihres Lippenstiftes. Ich sah ihr nach, wie sie durch den Gang stolzierte.

Bevor ich mich setzte, konnte ich zum ersten Mal einen Blick auf die Freundin meiner Nachbarin werfen. Sie war mittelblond und trug ihre gewellten Haare etwas kürzer. Mir fiel ihr blumiges Sommerkleid und besonders das tiefe Dekolleté auf.

„Hey Lucky, du hast wirklich einen ausgesprochen guten Platz erwischt“, rief Franky. Er hatte seine Sonnenbrille auf die Stirn geschoben.

„Kann man so sagen, Franky.“ Du siehst übrigens richtig daneben aus, wie Dschingis Khan nach einer verlorenen Schlacht. Anderthalb von zehn Punkten.

„Und?“

„Wie, und?“

„Ich meine, wie heißen die beiden, wo wollen sie hin?“

„Das weiß ich doch nicht.“

„Du bist wirklich ein lahmer Arsch, Alter.“

„Wieso das denn? Ich kenne die doch gar nicht.“

„Das ist es ja. Du sitzt über eine halbe Stunde neben denen und kennst sie immer noch nicht.“

„Ach, leck mich.“

Franky setzte andere Maßstäbe. Mit ihm konnte ich mich nicht vergleichen. Bei ihm ging das immer ganz schnell. Die Frauen standen auf ihn. Ich war sicher, nicht aufgrund seines Aussehens oder seiner überdurchschnittlichen Intelligenz. Es war sein geschmeidiges Gelaber, mit dem er sie alle um den Finger wickelte. Dafür waren seine Frauenbekanntschaften nie besonders tiefgreifend und nachhaltig. Sex und Fernsehen. Aber Franky kam weit rum, was mich tief beeindruckte.