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Operation Titanensturz






 

Volker Bätz



ISBN: 978-3-940235-76-3

Erschienen: Mai. 09

Preis: 16,50 Euro

Broschiert, 208 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Wofür lohnt es sich zu leben? Wofür zu sterben?
Auf Kadath 13, einer seit Jahrzehnten unter Quarantäne stehenden Weltraumkolonie, ist der Tote im Abfallschacht nur einer unter vielen. Alles deutet auf Selbstmord hin, aber der zynische Ermittler Sol Cryjack glaubt nicht daran. Seine Instinkte sagen ihm, dass dieser Fall etwas Besonderes ist. Gegen alle Widerstände macht sich Cryjack auf die Suche nach dem Täter. In den finsteren Tiefen der Stadt stößt er auf ein vergessenes Mysterium und einen gefährlichen Killer, der dieses Geheimnis um jeden Preis schützen will.
Sol wird vom Jäger zum Gejagten, denn es gibt keine Sicherheit mehr. Für niemanden.

 

Leseprobe

 

I. Der Tote im Abfallschacht


Der Engel mit den flehenden Augen hatte ihn gewarnt, aber da sich Sol Cryjack aus düsteren Vorzeichen nichts mehr machte, hatte er es ignoriert. Wie üblich war er erschrocken. Er hatte das krankhaft bleiche Gesicht, das bis auf diese Augen leer zu sein schien, angestarrt. Die blutigen Flügel waren kaum zu sehen im Halbdunkel, doch Sol wusste aus früheren Begegnungen, dass sie da waren. Die Luft um den Engel flimmerte leicht, wirkte verschwommen und unklar. Mit dem Erwachen kam langsam die Erkenntnis, dass es sich um einen Traum handeln musste. Als er die Augen aufschlug, verblasste die Erscheinung. Die raue Wirklichkeit von Neu Henoch hatte ihn wieder. Sol hatte einmal gehört, dass die Gründer dieser Kolonie die Hoffnung gehabt hatten, eine neue Erde zu erschaffen, eine Welt, die dem Beispiel vieler anderer Welten folgte und der Menschheit neuen Lebensraum spenden würde. Eine Heimat fern der Heimat. Sie hatten die Hoffnung gehabt, dass die Kolonie auf Kadath 13 trotz der toxischen Atmosphäre und trotz ihrer Entfernung von den glitzernden Stadtplaneten und transmateriellen Handelsrouten ein neues Zuhause werden konnte. Es war ihnen sogar gelungen, die Unterstützung der außerdirdischen U’Sith dafür zu gewinnen. Doch sie hatten sich getäuscht. Ihr Vorhaben schlug fehl.

Gleichgültig stellte er sich der täglichen Routine, reihte sich ein in den endlos erscheinenden Fluss der Arbeiter und Lohnsklaven von Neu Henoch. Seltsam, doch nicht einmal in der Mitte dieses namenlosen Stroms gehörte er dazu. Wann immer er sich darüber hinwegtäuschen konnte, machten ihn die feindseligen und verstohlenen Blicke darauf aufmerksam. Wie jeden Tag ignorierte er sie und kämpfte sich in Richtung seines heutigen Einsatzortes.

Zwei Stunden später starrte Sol in das stinkende Loch und wunderte sich, woran ihn die verkohlten Hände, die sich flehend in die Höhe reckten, erinnerten. Der Gestank war unerträglich, denn wie zu erwarten war, hatten seine Nasenfilter bereits nach Sekunden ihre Funktionsfähigkeit eingebüßt. Der Tote erinnerte nicht wirklich an einen Menschen, an jemanden, der gelebt, geliebt und gestritten hatte. Es war nur noch ein Ding, schwarz, verkohlt und nutzlos, kaum zu unterscheiden von dem Abfall, der es umgab. Und doch gehörte die Leiche nicht hierher.

„Wer bist du? Was hat man dir angetan?“

Er sprach mit dem Toten, als würde dieser ihn hören. Sol tat es nicht nur aus Gewohnheit. Er tat es, um sich selbst zu zwingen, den Toten noch immer als menschliches Wesen zu sehen. Etwas, das ihm diesmal schwerer fiel als sonst.

Verärgert drehte er seinen Kopf, denn das Schmatzen seines Partners störte ihn. Offensichtlich hatte Dutscher seine Zeugenbefragungen beendet. Ohne dass Sol es bemerkt hatte, war der breitschultrige Mann zurückgekommen. Früher wäre ihm dies nicht passiert. Dutscher stand vor dem stinkenden schwarzen Schacht und blickte hinab in die verrußte Brennkammer. Sein vernarbtes Gesicht verriet sowohl Sorglosigkeit als auch Neugier. Sein übergroßer Mund vollführte eine ständige Kaubewegung, taktlos und frei von jedem Respekt. Es war eines der Dinge, die Sol am meisten hasste, und hauptsächlich, weil Dutscher dies wusste. Doch es hatte keinen Sinn, den Mann zurechtzuweisen, also gesellte er sich zu ihm, versuchte, mit seinen geflickten Stiefeln die zahllosen Pfützen auf dem schwarzen Boden zu vermeiden. Sol verbarg demonstrativ die Hände in den löchrigen Taschen seines alten Mantels und warf erneut einen müden Blick auf die verkohlten Überreste, ließ ihn prüfend über die Leiche wandern. Der Tote steckte in einem der Abfallschächte, die zu Verbrennungsanlage acht führten.

Wassertropfen, schwarz gefärbt von Ruß und Asche, rannen den Schacht hinab, folgten den schmutzigen Spuren, welche sich jahrzehntelang in den Betholith gegraben hatten. Die Müllverbrennungsanlage war nur eine von vielen, und wie alle anderen war sie ein Sicherheitsrisiko. Feuer in geschlossenen Räumen barg eine permanente Gefahr, und der untere Teil der Stadt bestand aus nichts anderem als einem gigantischen Netzwerk von hermetisch verschlossenen Räumen. Dies wurde nirgends so deutlich wie in den Ebenen von Neu Henoch, die sich unterhalb des Erdbodens in die Tiefe erstreckten. In den Versorgungstunneln, welche dieses Labyrinth durchzogen, wurden permanent Güter und Menschen transportiert. Auf diesem Wege war wohl auch der Müll in die Verbrennungsanlage acht gekommen. Große Transportcontainer, die Waren über die Grenze der Stadt hinaustrugen, wurden systematisch ausgebrannt und jeglicher Müll, den die Rationierungsbehörde als gefährlich einstufte, somit vernichtet. Für den Mann dort unten jedoch hatte es nur einen schmutzigen schwarzen Tod bedeutet, einsam und grausam, weitab von Leben und Licht.

Der Mangel an Sauerstoff, der mit Feuern in dieser Tiefe einherging, verursachte Sol drückende Kopfschmerzen. Die keifende Stimme seines Partners beendete seine Tagträume. Sol wunderte sich, wie die Stimme des Mannes so schrill klingen konnte, obwohl er mit vollem Mund sprach.

„Queimadura. Armer Teufel.“

Mehr aus Gewohnheit denn aus Höflichkeit brummte er eine Antwort. „Tatsache, ein armer Teufel.“

Der Tote konnte nicht abrutschen durch die Hitzeschleuse, und nach oben war es zu glitschig. Also hatte er einen verzweifelten Kampf ausgefochten, sich gegen Schmerzen und Feuer gewehrt und mit eisernem Willen versucht zu entkommen. Als klar war, dass er verloren hatte, hatte sich die Sprinkleranlage aktiviert. Solche Dinge passierten jeden Tag, zumindest in der Unterwelt von Neu Henoch.

Die hungrigen Flammen hatten den Mann auf einen verbrannten Gegenstand reduziert. Haut, Haare, Kleidung, Augen, alles war verschwunden, vom Feuer gefressen und zerstört. Die groteske schwarze Gestalt hing dort wie ein Vorwurf. Sol konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, dass auch dieser Tod überflüssig und sinnlos war. Er spürte Bedauern, dass der Tote verzweifelt versucht hatte, der glitschigen Röhre zu entkommen. Die schwarz verkrümmten Hände ragten Hilfe suchend in die Höhe, der Freiheit entgegen, die der Tote nicht hatte erreichen können. Es grenzte an eine Leistung, dass der unglückliche Mann nicht in den Ofen hinunter gestürzt war. Doch wenn Sol darüber nachdachte, dann klang es eher nach einer Dummheit. Im Ofen hätte sein Todeskampf nur wenige Sekunden gedauert, doch hier in der Röhre musste er qualvoll verschmoren. Die Hitze hatte den Raum versengt. Sie war aus dem Abfallschacht geschossen wie ein Projektil und hatte zerstört, was sie konnte.

Warum steckte der Tote noch im Schacht? Natürlich, er hing mit dem Oberkörper auf der unteren Schleusenklappe. Aber dies entsprach nur dem jetzigen Zustand, während der Befeuerung der Anlage musste dies anders ausgesehen haben. Nach seinem Verständnis hätte der Tote abrutschen müssen, geschwächt durch den Schock und die versagenden Muskeln. Dennoch hing die Leiche in der Öffnung des Schachtes. Mehr noch, warum hatte sich die Klappe nicht verriegelt? Er blickte auf die Steuerungseinheit der Hitzeschleuse, deren Schalter in mittlerer Position feststeckte. Die Funktionsweise der Müllverbrennung folgte einem einfachen Prinzip. In einer langen Reihe fuhren die Containermodule unter der Verbrennungsanlage durch. Einzeln dockten sie an die Verbrennungsanlage an, welche sich regelrecht an der Deckenluke des Containers festsaugte. Die Gaszünder senkten sich in den Transportbehälter hinab. Hinter ihnen verschloss sich die Hitzeschleuse, um die Container luftdicht zu versiegeln. Zeitgleich verschloss sich die komplette Verbrennungsanlage. Eine doppelte Absicherung gegen den unwahrscheinlichen Fall, dass eine der Schleusen versagte. Dann initiierten die Gaszünder ein Inferno, das alles, was sich im Transportcontainer befand, zu Asche verbrannte.

Wenn die Schleuse sich nicht geschlossen hatte, warum hatte der Mann sie nicht verlassen? Die Hitzeschleuse bot genug Platz, damit ein erwachsener Mann durchschnittlicher Statur hindurch kriechen konnte. Aber der Tote hatte dies nicht getan, weder nach vorn, noch zurück. Und es war unmöglich, dass er aus eigener Kraft dort geblieben war, wo er nun steckte.

„Der Schichtleiter hat ihn so gefunden. Der Feueralarm wurde ausgelöst, und als er mit seinen Männern hier ankam, sah er den Braten in der Röhre stecken.“ Dutscher ließ seiner Einschätzung ein bellendes Lachen folgen, und wie üblich hoffte Sol, dass sein Partner daran erstickte. Er tat so, als hätte er zugehört, aber er konnte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Dutscher und seine geistigen Ergüsse ganz und gar nicht zu den Dingen gehörten, die er schätzte. Alles war anders geworden, seit Aleph den Dienst quittiert hatte. Aber das war Vergangenheit, wie so vieles, und einen Weg zurück gab es nicht, weder für Aleph, noch für ihn.

„Weiß man, wer es ist?“

„Pieter Hauser. Einer der Müllarbeiter hier unten. Laut der jährlichen Humankapitaltests sehr zuverlässig und eher unauffällig. Aber es gibt nicht den geringsten Hinweis, warum er da reingeklettert ist.“

Dutscher sprach aus, was sich Sol schon längst gefragt hatte. War es wieder nur die Verzweiflungstat eines Mannes, der es hier in dem hermetisch abgeschlossenen Komplex nicht mehr aushielt, den viele als Stadt bezeichneten?

„Schlichtweg Wahnsinn. Aber Suizid ist auszuschließen. Es gibt leichtere Arten zu sterben. Und wenn überhaupt, dann hätte er nicht versucht, wieder raus zu kommen. Also haben wir einen Mord.“

„Wohoho, mal langsam, Herr Cryjack!“ Theatralisch ruderte der Hüne mit den Armen. „Wie kommen wir denn von einem Toten zu einem Mordopfer?“

Sol starrte Dutscher an, unwissend ob der Widerspruch ehrlich gemeint war oder nur ein Zeichen von vielen, dass sich der Mann nicht bevormunden lassen wollte. „Nur eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Wie plausibel ist es, dass jemand sich hier einschleicht, vor der Versiegelung der Kammer und dann auch noch in die Röhre kriecht?“

„Tunnelkoller! Was sonst? Alle werden verrückt, irgendwann drehen alle hier unten durch. Niemand ist davor sicher, weder du noch ich!“

Sol sah Dutscher mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck an. Er hasste diese unwichtigen Wortgefechte mit dem Mann, wohl auch deshalb, weil er in Dutscher keinen ernsthaften Herausforderer sehen konnte. Auch, weil Dutschers einzige Motivation den Todesfall als Suizid einzustufen auf der Tatsache fußte, dass es ihnen viel Arbeit ersparte. Sicher, die Menschen taten furchtbare Dinge hier unten, und am schlimmsten war, was sie sich selbst zufügten. Aber das? Sol konnte nicht glauben, dass jemand freiwillig in dieser Hölle schmoren wollte.

Sein Partner beäugte ihn. „Na gut, du bist wohl immun gegen den allgemeinen Wahnsinn hier. Aber denk doch mal drüber nach, was wäre wenn Täter und Opfer ein und dieselbe Person sind? Suizid ist meiner Meinung nach die wahrscheinlichste Möglichkeit.“

Sol ignorierte den fragenden Blick seines Partners und kniete nieder, um Kratzspuren auf den verrußten Bodenplatten zu inspizieren. Das gefiel ihm nicht. Sein Instinkt, tief verborgen in seinem Innersten, weit ab von Logik und Wissen, machte sich bemerkbar. Es war wohl diese Neugier, die ihn so erfolgreich gemacht hatte und die Männer wie Aleph an ihm zu schätzen gelernt hatten. Aber es war auch diese Neugier, die verhinderte, dass er jemals etwas anderes war als ein Ermittler der Bio-Sicherheit. Sicher, er hatte viele Aufgaben in seinem Leben gehabt, war durch Tunnel und Keller gekrochen und hatte gegen Menschen, Tiere und Natur gekämpft. Er hatte so viele Kollegen gehen sehen, hatte alle verloren, durch Karriere oder Tod, oder auch die vernünftige Einsicht, diesen Job hinzuwerfen. Sie wurden ersetzt durch neue Gesichter, Kerle wie Dutscher, die einfach zu schwerfällig waren für etwas anderes, oder solche, die jung und ehrgeizig waren und für die die Bio-Sicherheit nur eine Stufe auf dem Weg zu einer besseren Zukunft war. Aber Sol war geblieben.

Die Kratzspuren sahen seltsam aus, wie silberne Striemen auf einer mattschwarzen ebenen Fläche. Sie waren nicht verrußt, also waren sie vor dem Brand nicht da gewesen.

„Vielleicht hat er sich’s anders überlegt?“ Dutscher wollte sich wohl wieder einen Weg in seine Denkprozesse bahnen.

„Nicht plausibel. Der Raum wurde der Vorschrift entsprechend versiegelt. Also haben wir ein Problem.“

„Versteh ich nicht.“

„Hauser kann schlecht die Tür von außen schließen und gleichzeitig im Raum sein. Die Vorschrift besagt, dass vor der Befeuerung der Anlage alle Zugänge versiegelt werden. Wäre dies nicht geschehen, dann hätten wir hier mehr als einen Toten.“

„Dann ist der Tote nicht Hauser?“

„Entweder das oder jemand anders hat die Anlage vor der Befeuerung versiegelt.“ Sol nagte an seiner Unterlippe.

Dutscher beäugte ihn misstrauisch, als glaubte er, dass Sol ihm eine Erkenntnis vorenthalten wollte. Sol kannte diesen Blick nur zu gut.

„Wenn sich der arme Irre hier eingeschlichen hat, wo ist dann der Arbeiter?“

Er sah seinen Partner lange an. Alles was ihn beschäftigte, war die Einsicht, dass er im Moment nicht die nötige Ruhe finden würde, um ungestört seine Gedanken zu Ende zu führen. Dutschers fleischiges Gesicht zeigte ein unmenschliches Grinsen und er zuckte mit den Schultern, wie um zu betonen wie alltäglich die bizarre Szene ihm erschien. Irgendwie glaubte Dutscher, ihm ständig gefallen zu müssen, und er tat damit das einzig Falsche. Er versuchte, mit Hilfe seiner Ausdrucksweise viel härter und zäher zu klingen, als er wirklich war. Sol wusste das, doch er war sich nicht so sicher, ob sein Partner es selbst auch nur ahnte.

„Auf jeden Fall eine beschissene Art zu sterben.“ Wie so oft kramte der Hüne eine zerknitterte Zigarette aus seiner Tasche, steckte sie zwischen seine zynischen Lippen und zündete sie an. Doch bereits nach wenigen Zügen brach er in einen Hustanfall aus.

Sol überlegte, ob er ihm auf den Rücken klopfen sollte, doch er zögerte und verwarf den Gedanken. Dutscher war selbst schuld. Irgendwann ging alles hier unten zum Teufel. Er war froh, dass er diesem Laster nie verfallen war. „Wer kann sich das schon aussuchen?“

Der übergewichtige Mann, dessen nahezu kahler Schädel von einer löchrigen Wollmütze verdeckt wurde, grinste schief. Sein Oberkörper steckte in einem schmutzigen bunten Shirt, das ihm wohl auch vor fünf Jahren nicht gepasst hätte. In seinen überdimensionalen Ohrläppchen hing billiger Schmuck, seine Daumen ruhten lässig in seinem Gürtel. Seine Waffe, eine 8 mm Partheian, baumelte an seiner Seite. Sol bezweifelte, dass sein Partner mehr als ein Dutzend Patronen für die Pistole besaß, aber auf der anderen Seite hatte er noch weniger Munition für seine eigene Waffe, von der seit Jahren nahezu ausgebrannten Energiezelle seiner RFID-Pistole ganz zu schweigen. Eine bunt gefleckte Jacke rundete das Bild ab, und wäre nicht das schwarzgelbe Bio-Sicherheitslogo auf seinem Rücken gewesen, dann hätte Dutscher äußerlich nichts von den Kleinkriminellen der Unterstadt unterschieden.

Dutscher überlegte. „Das heißt, wir wissen weder, wie dieser Tolo da rein kam, noch warum?“

„Mehr noch, wir haben auch keine Ahnung, warum er getötet wurde und wie der Täter wieder verschwand.“

Er betrachtete die hüfthohen verbeulten Abfalltonnen, verwarf jedoch sofort den Gedanken, jemand könnte sich in einem dieser Transportbehälter verstecken. Dazu waren die Öffnungen einfach zu klein, und sie wurden gewöhnlich von Hand entleert. Das hätte dem Arbeiter auffallen müssen. Doch die Rätsel nahmen kein Ende, wo war der Arbeiter? Vielleicht hatte Dutscher Recht, vielleicht war es Selbstmord?

Sol war unwillig, dies zu akzeptieren. Sicherlich, der Tote war nur einer von vielen, und es wäre einfacher, das ganze als Selbstmord zu betrachten. Denn damit hätte sich der Fall erledigt, noch bevor er einer wurde. Wenn es nur die Sache mit dem Feuer gewesen wäre, dann hätte Sol dem Zwischenfall vielleicht keine weitere Bedeutung beigemessen. Es war gewiss nicht das erste Mal, dass hier unten, weitab von dem, was die zivilisierten Leute als Welt betrachteten, Chaos und Zerstörung ein schwarzes Loch in das fraßen, was mühsam in Jahrzehnten errichtet worden war und Träume in Sekunden zerstörten. Gestern noch ein fleißiger Arbeiter, der sich darum bemühte, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, im nächsten Moment ein Kadaver, untrennbar verbunden mit den geschwärzten Wänden einer Abfallröhre. Weitab vom Wohlstand und den Annehmlichkeiten der Oberfläche waren Leben und Tod gleichermaßen hässlich und unbarmherzig.

Warum war er in den Schacht geklettert? Offensichtlich hatte sich die Hitzeschleuse nur halb geschlossen und war somit zu eng gewesen, als dass er sofort in den Ofen stürzte. Ein Selbstmörder hätte dafür gesorgt, dass sie ganz offen war. Aber warum hatte sich der Mann dafür entschieden, da hinein zu kriechen? Sol verstand es nicht. Für einen letzten Augenblick sah er hinab auf die Leiche, und er spürte erneut Mitgefühl für den Toten, der verzweifelt versucht, hatte in der engen Röhre dem gefräßigen Feuer zu entkommen. Sol untersuchte den rechten Handrücken des Toten nach einem länglichen Gegenstand. In der strahlenden vernetzten Welt Neu Henochs war dieser Gegenstand die Verbindung des Einzelnen mit der Gemeinschaft gewesen, diente der Identifikation wie der medizinischen Versorgung und finanziellen Transaktionen. Früher, vor der Isolation und dem Schwinden des Lichts. Heutzutage war die Bedeutung noch gestiegen, definierte neben der Identität eines Menschen auch seinen Wert. Aber er fand nichts.

Als er sich schon abwenden wollte, stach ihm ein am Boden liegender Gegenstand ins Auge. Eine sumurianische Gebetskette? Achtlos hingeworfen oder verloren, vielleicht ein Stück Müll, das aus einem der Container fiel? Nein, unwahrscheinlich, dies war recyclebar, und wenn der zuständige Müllarbeiter Hauser so gierig war wie die meisten, die hier ihren Lebensunterhalt verdienten, dann sollte dies nicht hier liegen. Kurz betrachtete er das geschwärzte Schmuckstück. Sols Mitgefühl war verschwunden mit der Erkenntnis, dass der Tote alles andere als ein einfacher Arbeiter gewesen sein musste. Und mit dieser Erkenntnis kam auch die unheilvolle Ahnung um ein weiteres Geheimnis des Toten.

Eine sumurianische Gebetskette.

Er schubste den am Boden liegenden Gegenstand mit der Spitze seines Militärstiefels hin und her, während er den klebrigen Abfallschacht betrachtete. Schließlich hob er die Kette auf. Sol zog ein zerfleddertes Tuch aus seiner Hosentasche und säuberte sie. Dann steckte er sie ein. Nicht nur die Todesumstände waren mysteriös. Der Tote gehörte auch nicht hierher.

„Ist das der einzige Abfallcontainer?“ Dutschers Blick offenbarte Unverständnis. „Laut der Anzeige war die Anlage bereits seit Stunden in Betrieb und hat Tonnen von Müll verbrannt. Irgendwie muss der doch hierher gekommen sein.“ Er entnahm Dutschers Miene, dass der nun wusste, worauf er hinaus wollte. „Dutscher, lass dir von den Müllarbeitern ein Verzeichnis der Abfallcontainer geben, welche heute ausgebrannt wurden. Und vor allem will ich wissen, woher sie gekommen sind.“

Müde sah er zu, wie Dutscher verschwand, um die ihm aufgetragene Aufgabe zu erfüllen. Es war gut allein zu sein. Für einen Moment erinnerte er sich an die Erscheinung des Engels. Diese Vision kündigte ein nahendes Unglück an, das wusste er aus Erfahrung. Und während er darüber nachdachte wurde ihm klar, dass es ihm im Grunde egal war.