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Schmetterlinge lieben nicht






 

J.D. Vermeeren



ISBN: 978-3-940235-24-4

Erschienen: Aug. 08

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 168 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Die Journalistin Angelina Hill aus Kanada erhält den Auftrag nach Mexiko zu reisen, um eine Bildreportage über die Monarchfalter zu schreiben. Die erste Begegnung mit dem Fotografen Leon de Merron verläuft katastrophal. Als sie nach Kanada zurückgekehrt, überstürzen sich die Ereignisse. Ihre verstorbene Mutter führte ein Doppelleben und ihr Freund sowie der undurchsichtige Leon de Merron haben damit zu tun. Angelina muss plötzlich um ihr Leben fürchten und fliehen, während sie gleichzeitig versucht das Geheimnis ihrer Mutter zu entschlüsseln.

Ein abenteuerlicher Liebesroman.

 

Leseprobe

 

Die Regentropfen prasselten an das Fenster, rannen das getönte Glas abwärts, bis eine Windböe sie auseinander blies und die Tropfen neue Wege nahmen, sich nach verschlungenen Pfaden erneut fanden und wieder eins wurden. Angelina wandte sich vom Fenster ab. Lianas Worte lösten eigenartige Gedanken in ihr aus.


„De Merron … du hast Leon de Merron für die Fotos engagiert?“, wiederholte sie, obwohl sie richtig verstanden hatte und strich eine Haarsträhne, die sich aus ihrem Knoten im Nacken gelöst hatte, hinter das Ohr.


„Wir haben ihn immer für spezielle Fotos engagiert, das heißt wenn er auffindbar war.“ Die Chefredakteurin Liana Rothery sah von ihren Unterlagen hoch. „Ein Wunder, dass ich Leon überhaupt erreicht habe, aber zum Glück arbeitet er zurzeit für den Biologen José Perez und ist angenehmerweise an Ort und Stelle. Sie hielt einen Atemzug inne, dann hob sie eine Hand und formte mit schlangenähnlichen Bewegungen eine imaginäre Figur. „Er ist wie ein Schemen – wie ein Geist.“


„Geist? Verfügt er über paranormale Fähigkeiten, oder was meinst du?“ Angelina lächelte. Liana konnte so herrlich dramatisch sein.


„Auch wenn es merkwürdig klingt aber diese Bezeichnung passt. Er kommt und geht, macht seine Fotoaufträge, verschwindet, ist wie ein Schatten, den man nicht fassen kann.“ Plötzlich grinste sie. „Allerdings ist es ein prachtvoller Schatten, wirklich süperb. Eine Nacht mit dem Mann, der dazu gehört würde ich nicht ausschlagen.“


Angelina runzelte die Stirn. Was war das für ein Wunderknabe, dachte sie, setzte sich und krempelte die Ärmel ihrer Bluse hoch.


„Dir sind meine Fantasien wohl zu frivol? Keine Angst, ich werde kaum in den Genuss kommen an seiner Brust dahinzuschmachten. So und nun wieder zum Ernst der Sache. Ich will Leon für dieses Projekt, ich habe Stunden damit verbracht ihn endlich ans Telefon zu bekommen. Er ist der Beste, seine Fotos werden geradezu perfekt für die Titelstory sein. Unsere Kunden sind gewohnt, dass ihre Erwartungen erfüllt werden.“


Angelina räusperte sich, sah kurz zum Fenster an dessen Scheibe sich die Regentropfen noch immer trennten und wieder vereinten. „Klar, ich war nur ein wenig irritiert, weil ich mich erinnert habe, was damals über ihn geschrieben wurde. War ja nicht gerade ohne.“


Liana klopfte mit ihrem Kugelschreiber rhythmisch auf den Schreibtisch. Über ihre rotgeränderte Brille sah sie Angelina forschend an. „Kindchen, dir macht doch nicht etwa Schnee von gestern zu schaffen? Meine Güte, du kennst ihn doch gar nicht persönlich und die Geschichte ist, warte mal … “, sie kräuselte die Lippen, „sieben Jahre her. Zugegeben, das Gerücht um Leon hielt sich eine Weile, aber es war nur heiße Luft. Das Ganze war sowieso mehr als suspekt und es wundert mich nicht, dass er sich immer in Schweigen gehüllt hat. Diese Möchtegernjournalisten waren wie tollwütige Hunde hinter ihm her.“ Liana rümpfte die Nase, eine Gestik, die sie nur einsetzte, wenn ihr etwas überhaupt nicht zusagte.


Angelina tat es schon Leid, dass sie auf Leon de Merrons Name so reagiert hatte. Die Artikel, in denen der Fotograf auseinandergenommen wurde, konnte man in allen Zeitungen lesen. Vielleicht löste die Erinnerung aber auch deshalb so negative Gefühle aus, weil sie zur gleichen Zeit mitten im Studium die Windpocken bekam und im Bett bleiben musste. Kratzen sie ja nicht, empfahl der Arzt mit mitleidigen Blicken, sonst bleiben Narben. Damals fragte sie sich, warum sie diese Krankheit mit zwanzig und nicht wie jeder normale Mensch als Kind bekommen hatte, aber ihre Kindheit verlief ja auch nicht im herkömmlichen Sinne und außerdem, was war schon normal? Fast genau vor einem Jahr war sie aus England zurückgekehrt und fand bei dem renommierten Magazin, das in den Händen der Geschwister Jonathan und Liana Rothery lag, ihren Traumjob. Liana, immer exklusiv, mondän und mit fünfundvierzig zehn Jahre jünger aussehend, hatte einen Narren an ihr gefressen. Angelina wurde bei vielem bevorzugt und besonders nach dem Tod ihrer Mutter war die Chefredakteurin ihr sehr freundschaftlich zugetan. Die Titelstory war Lianas Heiligtum. Jeder der Redakteure riss sich darum. Angelina war völlig überrascht, als sie die Nachricht bekam, dass ihr die Mexikostory anvertraut wurde. Auf keinen Fall wollte sie sich diese Chance verderben. Liana kannte und mochte de Merron offensichtlich und wer weiß, vielleicht war er ja wirklich so süperb und gab ihrer Arbeit eine noch reizvollere Note. „Ist nicht so wichtig. Wann geht mein Flug?“


Liana warf den Kugelschreiber schwungvoll auf den Schreibtisch, wo er ebenso schwungvoll über den Tischrand rollte und auf den hellgrauen Teppich fiel. Sie rief durch die Sprechanlage ihre Sekretärin, die wie auf Kommando mit den Tickets in der Hand in das Büro kam.


„Jonathan wird dich zum Flughafen bringen.“ Liana hob die Hand. „Nein, nein, keine Widerrede, er will es sich nicht nehmen lassen, seinen talentierten Schützling selbst zu chauffieren.“


Angelina schmunzelte. Liana gab nicht auf, sie wollte sie seit geraumer Zeit mit Jonathan verkuppeln. Dass es da schon jemanden gab, ignorierte sie völlig. Steve ist aalglatt, was findest du an ihm, er passt überhaupt nicht zu dir, meinte sie, obwohl sie ihm nur ein einziges Mal begegnet war. Dass Jonathan nicht nur ihr journalistisches Talent mochte, war Angelina natürlich nicht entgangen und sie musste zugeben, dass ihr die Komplimente, die er ihr machte, gefielen. Allerdings fand sie, dass er ein wenig übertrieb. Ihr Gesicht war apart, okay, aber die Haut zu blass und aus den naturblonden Spaghettihaaren, die sie aus Gewohnheit stets zu einem unordentlichen Nackenknoten zwirbelte, löste sich immer wieder dieselbe Haarsträhne. Er aber fand sie außergewöhnlich und herzerfrischend natürlich, gewürzt mit einer reizvollen Unnahbarkeit. Was Männern für Worte einfielen und besonders was sie sahen, war wirklich faszinierend.


„Es ist alles arrangiert – morgen geht deine Maschine nach Mexiko City, von dort wirst du direkt vom Flughafen abgeholt. Presseausweis nicht vergessen. Ich warne dich. Die Fahrt danach wird ziemlich lang sein. Das Dorf ist sehr abgelegen, aber dort gibt es laut Perez ein noch unberührtes, gänzlich unbekanntes Schutzgebiet, in das er und Leon dich begleiten werden. Dr. José Perez ist übrigens eine Kapazität auf dem Gebiet der Forschung, er wird dir alle Fragen für deine Recherche beantworten. Ich verlass mich auf dich, aber mit Sicherheit bringst du mir eine vollendete Story.“


„Ich werde dir die beste aller Zeiten liefern.“


„Dein Ehrgeiz ist unschlagbar, so soll es sein. Ich bin stolz auf dich und das meine ich ernst. Mit Lob gehe ich sonst recht sparsam um. Okay Kindchen, ich habe noch viel zu tun. Willst du noch etwas wissen?“


„Ich glaube ich habe alle Infos.“


„Also, dann wünsche ich dir eine schöne Reise, und sei vorsichtig.“


Lianas Worte wurden etwas undeutlich, weil sie sich die Lippen neu nachzog. Gleich danach griff sie zum Telefonhörer und blickte angestrengt auf den Monitor ihres Computers. Mit aller Deutlichkeit war das Gespräch beendet. Angelina erhob sich aus dem exklusiven Ledersessel, der in Lianas Büro für die Besucher bestimmt war und winkte ihr zu.


Vor der Tür blieb sie stehen, schloss die Augen und spürte, dass ihr Herz schneller klopfte. Am liebsten wollte sie wie ein Kind wild herumtanzen, aber sie begnügte sich damit, die Hände in Siegerpose zu halten und nicht zu laut Ja! zu rufen. Endlich. Sie durfte die große Reportage, eine Reise und eine Tour in unberührte Wildnis machen. Sie liebte die Natur, vor allem liebte sie ihre Heimat Kanada, das Land der smaragdgrünen Seen und der undurchdringlichen Wälder.


Für sie war Vancouver eine einzigartige Stadt – der Pazifik und Sandstrände liegen einem vor der Nase, im Hintergrund die fantastischen Berge der Rocky Mountains, Fraser Valley im Osten – die Kombination aus kosmopolitischer Ausstrahlung und Natur ist in dieser Stadt ohne Zweifel gelungen. Sie mochte die alten Backsteinhäuser, die im Kontrast zu den Wolkenkratzern standen, die Bistros und Gourmet-Restaurants, in denen es sich so herrlich schlemmen ließ. Aber am meisten faszinierte sie die unberührte Landschaft, die man in kurzer Zeit erreichen und mit Adlern in Gedanken durch die Lüfte ziehen konnte.


Bei ihrer Einstellung hatte sie Jonathan und Liana Rothery eine Dokumentation über das Land vorgelegt. Sie handelte von dem kleinen malerischen Ort Tete Jaune Cache, der umgeben von den Rocky Mountains liegt und seinen Namen einem legendären hellhaarigen Trapper verdankt; von den eindrucksvollen Panoramen; dem Naturschauspiel im Herbst, wenn die Lachse die Flüsse aufsteigen und für die Bären einen willkommenen Leckerbissen bieten. Ihr ganzes Herzblut lag darin, und Liana Rothery hatte vor Begeisterung für einige Minuten still dagesessen und ihr eine große Karriere prophezeit.


Der starke Drang nach Wäldern und Stille führte dazu, dass sie ihre kleine Wohnung aufgab. Zwar war sie gegenüber dem Bürogebäude geradezu ideal gelegen, aber inzwischen genoss Angelina es, nach einem stressigen Arbeitstag etwas von der Natur spüren zu dürfen, über die sie so impulsiv zu schreiben verstand. Ihr bezauberndes Landhaus lag außerhalb der Stadt, und die längere Anfahrtszeit nahm sie gern in Kauf, weil es ein Ort war, an dem sie Energie schöpfen konnte, an dem sie immer wieder den Duft der Jahreszeiten erleben wollte. Angelina schwelgte in einer Fülle von Inspirationen, wenn sie an den Herbst dachte, der die Wälder in üppige Farben tauchte und unzählige Leaf Peepers, Fotografiersüchtige, von den traumhaften Farben des Indian Summers angelockt wurden.


Der enorme Reichtum an Baumarten in Kanadas Waldgebieten sorgt im Herbst für ein Farbspektakel, das die unendliche Landschaft in ein einziges riesiges Gemälde verwandelt.


Sie fühlte sich beschwingt, aufgeputscht und von ihren Gedanken beflügelt. Im Augenblick war ihr absolut egal, ob es um Leon de Merron ein dunkles Geheimnis gab. Sie beabsichtigte die knappe Woche in Mexiko zu genießen, selbst wenn sie arbeiten musste und niemand konnte sie davon abhalten.